Archiviert in der Kategorie "Adventskalender 2007"

Türchen 10: Ein Bärenleben – Teil 4

10. Dezember 2007 - 0:00 Uhr

Nachdem sie sich innerlich aufgewärmt hatte, begab sich Frau Hansen weiter in den Trubel des Adventsgeschäfts. Julia war wie zuvor begeistert von all den Lichtern und Ablenkungen und plapperte munter drauf los. Jan hingegen blieb still an der Hand der Mutter. Irgend etwas schien in seinem Kopf vorzugehen.

Selbst das Karussell, dass auf dem Markt aufgebaut war, konnte ihn kaum begeistern. Er schien kaum wahrzunehmen, was um ihn herum geschah; er schaute nur still vor sich hin und schien zu träumen. Dabei mochte er Karussell fahren normalerweise besonders gern. So langsam machte sich Frau Hansen Sorgen. „Jan, ist irgendwas?“ „Ach nein, nichts.“ Beruhigend fand sie die Antwort nicht. Sie streichelte ihm über seine Wange und erntete zumindest ein kurzes Lächeln.

„Der Junge wird doch nicht krank werden?“ dachte Frau Hansen. Jan war kein kränkliches Kind -nein. Aber in letzter Zeit kamen doch einige Kinderkrankheiten zusammen. Er war gerade mal wieder zu Kräften gekommen. Frau Hansen war besorgt. Sie hatte genug von der Stadt. „Kommt Kinder – wir fahren nach Hause!“

Auf der Rückfahrt brach Jan endlich den Redeschwall seiner Schwester und stellte Frau Hansen mit einem Ernst, den sie vorher noch nicht von ihm gekannt hat, die Frage: „Wenn ich verspreche, ab heute gaaaaanz lieb zu sein, meinst Du, dass mir das Christkind diesen Teddy schenkt?“

Frau Hansen wusste nicht was sie antworten soll. Sie hatte ja bemerkt, dass eine gewisse Faszination von diesem Bären ausging. Aber so – das hatte sie nicht geahnt. Sie flüchtete sich in den Satz: “Na, mal sehen.“ So überrascht sie auch durch diese Frage war, sie war dann doch auch beruhigend. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen und spiegelte sich im Fenster, durch das die abendliche Dunkelheit herein schien.

Türchen 9: Rainer Maria Rilke: Träume, die in deinen Tiefen wallen

9. Dezember 2007 - 0:00 Uhr

Träume, die in deinen Tiefen wallen,
aus dem Dunkel lass sie alle los.
Wie Fontänen sind sie, und sie fallen
lichter und in Liederintervallen
ihren Schalen wieder in den Schoß.

Und ich weiß jetzt: wie die Kinder werde.
Alle Angst ist nur ein Anbeginn;
aber ohne Ende ist die Erde,
und das Bangen ist nur die Gebärde,
und die Sehnsucht ist ihr Sinn

Türchen 8: Theodor Storm: Weihnachtslied

8. Dezember 2007 - 0:00 Uhr

Vom Himmel in die tiefsten Klüfte
Ein milder Stern herniederlacht;
Vom Tannenwalde steigen Düfte
Und hauchen durch die Winterlüfte,
Und kerzenhelle wird die Nacht.

Mir ist das Herz so froh erschrocken,
Das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre ferne Kirchenglocken
Mich lieblich heimatlich verlocken
In märchenstille Herrlichkeit.

Ein frommer Zauber hält mich wieder,
Anbetend, staunend muß ich stehn;
Es sinkt auf meine Augenlider
Ein goldner Kindertraum hernieder,
Ich fühl’s, ein Wunder ist geschehn.

Türchen 7: Ein Bärenleben – Teil 3

7. Dezember 2007 - 0:00 Uhr

Herr Köstmann ließ die Werbung an sich vorbeigehen. Er verkaufte nicht, was gerade wild beworben wurde, sondern dass, womit Kinder wirklich spielen wollen. Es kam ihm in seinem Alter nicht mehr darauf an, möglichst viel Gewinn zu machen. Sein Sohn wollte den Laden nicht übernehmen. Wenn er nicht mehr in der Lage war, den Laden zu führen, würde er verschwinden. Er hatte es eigentlich nicht mehr nötig, jeden Tag in seinem Laden zu stehen. Das Polster aus besseren Tagen und die Tatsache, dass alles was ihn umgab, ihm gehörte, versetzte ihn in die Lage, sich ganz dem zu widmen, was er liebte: schöne Spielsachen und spielende Kinder.

Als Frau Hansen eintrat, stürmten Jan und Julia sofort los. Die beiden mochten dieses Geschäft fast genauso wie ihre Mutter. Hier durften sie tatsächlich spielen und nicht nur an der Hand der Mutter staunen. „Guten Tag Frau Hansen! Schön, das sie mal wieder hier sind.“ begrüßte sie Herr Köstmann. Sie mochte es, wenn sie nicht nur anonymer Käufer war, sondern wiedererkannt wurde. Die beiden plauderten eine ganze Weile, bis Frau Hansen auffiel, dass Jan ganz gegen seine Art schon eine ganze Weile stumm einen Teddybären begutachtete. Er schaute ihn nur an und fühlte mit seinen kleinen Händen das Fell. Er war auf einmal gar nicht mehr so stürmisch wie sonst. Er ließ den Teddy stehen, wo er ist und fühlte einfach nur das zottelige Fell.

„Gefällt er dir?“ fragte Frau Hansen. „Ja, schon.“ antwortete Jan. Frau Hansen schaute sich den Teddy an, um ganz unauffällig auch einen Blick auf den Preis zu erhaschen. 22 DM (Herr Köstmann hatte auch hier eine etwas eigenwillige Art, die 90’er Pfennige zu missachten). Ihr Sohn war durchaus preisbewusst.

Türchen 6: Rainer Maria Rilke: Der Apostel – Teil 3

6. Dezember 2007 - 0:00 Uhr

Alles schwieg. Mit Lächeln fuhr der herrliche Mann fort. „Und wenn unsere Altvordern Affen waren, wilde Tiere mit großen Naturtrieben, und wenn ihnen ein Messias erstanden wäre, der ihnen Nächstenliebe gepredigt hätte, sie hätten, seinem Wort gehorchend, nie zu höherer Entwicklung emporklimmen dürfen. Nie kann die stumpfe, vielseitige Menge Träger des Fortschritts sein; nur der „Eine“, der Große, den der Pöbel haßt im dumpfen Instinkte eigener Kleinheit, kann den rücksichtslosen Weg seines Willens mit göttlicher Kraft und sieghaftem Lächeln wandeln. – Auch unser Geschlecht ist nicht die Spitze der unendlichen Pyramide des Werdens. Auch wir sind nicht vollendet. Auch wir sind unreif, nicht überreif, wie ihr im Dünkel so gerne wähnet. Darum vorwärts! Sollen wir nicht höher steigen dürfen in Erkenntnis, Willen und Macht? Soll es nicht den Starken gelingen, aus der Zwangsatmosphäre des Massenneides emporzuschweben zu Lichte!?

Hört mich, ihr – Alle: Ihr steht im Kampfe! Rechts und links fallen eure Nebenmänner; fallen, getroffen von Schwäche, Krankheit, Laster, Wahnsinn!…. und wie alle die Geschosse heißen, die das schreckliche Schicksal speit.

Laßt sie sinken! Laßt sie hinsterben allein und elend. Seid hart, seid furchtbar, seid unerbittlich! Ihr müßt vorwärts, vorwärts!

Was schaut ihr so entsetzt? Seid auch ihr Schwächlinge, – Alle? Fürchtet auch ihr zurückzubleiben?! Bleibt! Verendet wie Hunde! Der Starke nur hat Recht zu leben. Der Starke geht – vorwärts…und die Reihen werden sich lichten; – aber wenige Große, Gewaltige, Göttliche werden sonnigen Auges das neue, gelobte Land erreichen. Vielleicht nach Jahrtausenden erst. – Und sie werden ein Reich bauen mit starken, sehnigen, herrischen Armen auf den Leichen der Kranken, der Schwachen, der Krüppel…..
……..Ein ewiges Reich!“

Sein Auge brannte. Er war aufgestanden. Die schwarze Gestalt erstreckte sich übergroß in die Höhe. Es war, als ob eine Lichtschein sie umrahme. Er sah wie ein Gott aus.

Sein Blick hing weit an der herrlichen Vision seiner Seele; dann kehrte er jäh aus den Fernen zurück, und er sprach: „Ich gehe in die Welt, die Liebe zu töten. Kraft sei mit euch! – Ich gehe in die Welt und predige den Starken: Haß! Haß! Allerhaß“

Alle sahen sich sprachlos an. Die Baronin preßte, überwältigt von einem unbeschreiblichen Gefühlt, ihr Tuch an die Augen. Als sie aufsah, war der Platz am Ende der Tafel – leer. Ein Schauder durchrieselte alle. Niemand sprach. Die Diener reichten zaghaft die Speisen. Mein Gegenüber, der dicke Bankherr, gewann zuerst seine Sprache wieder. Er brummte zu mir her: „Das war entweder ein Narr, oder….“ Das Folgende verstand ich nicht; denn er kaute mit vollen Backen ein Stück Hummerpastete.

Ende

Türchen 5: Hilde Domin: Versöhnung

5. Dezember 2007 - 0:00 Uhr

Erst sah ich weiße Fahnen
und wurde blaß, ich mag nicht siegen.
Doch dann glitten deine Tauben herüber,
so sanft
schicktest du die weißen Tauben
von dir zu mir,
Taube um Taube,
ich atmete kaum,
das Zimmer war weiß von ihnen.
Ich hielt die Hände hin:
schneeflockenfeucht von deinen
Tränen
tranken sie meine Tränen.

Türchen 4: Rainer Maria Rilke: Der Apostel – Teil 2

4. Dezember 2007 - 0:00 Uhr

„Dürfen wir auch auf Sie rechnen, mein Herr?“ So die Baronin dem Fremden. Ihre Stimme zitterte. Jener erhob sich ein wenig und sagte laut, ohne den Blick zu wenden, mit brutalem Ton: „Nein!“ Die Baronin zuckte zusammen. Dann zwang sie sich zu lächeln. Aller Augen waren auf den Fremden gerichtet. Der wandte sein Auge der Freifrau zu und fuhr fort: „Sie tun ein Werk der Liebe; ich geh in die Welt, um die Liebe zu töten. Wo ich sie finde, da morde ich sie. Und ich finde sie oft genug in Hütten und Schlössern, in Kirchen und in der freien Natur. Aber ich folge ihr unerbittlich. Und wie der starke Lenzwind die Rose bricht, die sich zu früh hervorgewagt, so vernichte ich sie mit meinem großen, zürnenden Willen: denn zu früh ward uns das Gesetz der Liebe.“ Seine Stimme verhallte dumpf, wie der Glockenton bei Ave. Die Baronin wollte entgegnen, aber der Mann fuhr fort: „Sie verstehen mich noch nicht. Hören Sie:

„Die Menschen waren unreif, als der Nazarener zu ihnen kam und ihnen die Liebe brachte. Er in seinem lächerlich kindischen Edelmut, glaubte ihnen eine Gutes zu tun! – Für ein Geschlecht von Giganten wäre die Liebe ein herrliches Ruhekissen, in dessen wollüstiger Weise sie neue Taten träumen dürften. Den Schwachen aber ist sie Ruin.“

Ein katholischer Priester der anwesend war, griff mit der linken Hand nach seiner Halsbinde, als wäre sie ihm plötzlich zu enge geworden.“Ruin!“ dröhnte es aus dem Munde des Fremden. „Ich spreche nicht von der Liebe der Geschlechter. Von der Nächstenliebe spreche ich, von Mitleid und Erbarmen, von Gnade und Nachsicht. Es gibt keine schlimmeren Gifte in unserer Seele!“ Der Priester gurgelte etwas durch die dicken Lippen.

„Christus, was hast du getan! Mir ist, man hat uns aufgezogen, wie jene Raubtiere, denen man ihren innersten Trieb mit berechnender Klugheit genommen, damit man, wenn sie zahm geworden, ungestraft mit Knuten auf sie einhauen darf. – So hat man uns die Zähne abgefeilt und die Klauen, und man hat uns gepredigt: Liebe! Man hat uns die Eisenrüstung unserer Kraft von den Schultern gezogen und hat uns gepredigt: „Liebe!“ Man hat uns dem Demantspeer unseres stolzen Willens aus den Händen gewunden und hat uns gepredigt: Liebe! Und so hat man uns nackend und bloß in den Sturm des Lebens gestellt, wo die Keulenschläge des Schicksals auf- und niedersausen, – und man predigt uns: – Liebe!“

Atemlos lauschte alles dem Sprecher. Die Diener wagten sich nicht vom Platze und standen verlegen, die Silberplatten in den Händen, zuseiten des Tisches. – Wie ein heißes Gewittern donnerten die Worte des Begeisterten in das schwüle Schweigen.

„……und wir haben – gehorcht“, hub der seltsame Fremdling wieder an. „Wir haben blind und blöde diesem wahnwitzigen Befehle gehorcht. Wir haben die Dürstenden aufgesucht, die Hungernden, die Kranken, die Aussätzigen, die Schwachen, die Elenden, und – wir sind selbst dabei dürstend, hungernd, krank, elend geworden! Wir haben unser Leben hingebracht, Gefallene aufzurichten, Zweifelnden zu raten, Betrübte zu trösten – und wir sind selbst dabei verzweifelt! Wir haben dem, der uns Weib und Kinder gemordet, der uns den eigenen Herd mit der Axt der Zwietracht gespalten, wir haben ihm nicht den schurkischen Schädel zerschmettert, – wir haben ihm – eine Hütte erbaut, in der er friedlich erschauen kann das Ende der Tage!“

Furchtbarer Hohn bebte in seiner Stimme. – „Der, den sie als Messias preisen, hat die ganze Welt zum Siechenhaus gemacht. Die Schwachen, Elenden, Hinfälligen nennt er seine Kinder und Lieblinge. Und die Starken, die sind dazu da, diese kraftlose Brut zu beschützen, zu besorgen, zu bedienen!? Und wenn ich es in mir fühle heiß, innig und himmlisch, das stürmende Drängen nach Licht, und wenn ich mit festem Fuß den steilen, steinigen Pfad der Erreichung aufwärts steige, und wenn ich es leuchten sehe, das lodernde, göttliche Ziel, – dann soll ich mich zu dem Krüppel bücken, der am Wege zusammengesunken dahockt, soll ihn loben, aufrichten, mitschleppen und soll meine fiebernde Kraft versichern lassen in dem ohnmächtigen Kadaver, der nach wenigen Schritten doch wieder hintaumelt? – Wie sollen wir denn hinauf, wenn wir unsere Stärke den Elenden leihen, den Bedrängten, den faulen, sinn- und marklosen Schurken?!“ – Eine Unruhe erhob sich, ein Murren.

„Schweigen!“ donnerte der Schwarze. „Zu feig sind Sie, einzugestehen, daß dem so ist. Sie wollen ewig im Sumpfe fortwaten; Sie glauben, Sie sehen den Himmel, weil Sie das schauen, was sich schmutzig in der Gosse spiegelt. – – Verstehen Sie mich doch! Man hat unsere Kraft an die Erde gebunden. Elend muß sie verglimmen auf dem Opferherde der Barmherzigkeit. Einzig dazu soll sie gut sein, den Weihrauch des Mitleids zu entzünden, den Dunst, der unsere eigenen Sinne betäuben soll? Sie, die Kraft, die bis zum Himmel züngeln kann in freier, großer, jauchzender Flamme?!“