Archiviert in der Kategorie "Adventskalender 2007"

Türchen 17: Herman Bang: Einsam am Heiligen Abend

17. Dezember 2007 - 0:00 Uhr

Jedesmal wenn Weihnachten kommt, muß ich an Herrn Sörensen denken. Er war der erste Mensch in meinem Leben, der ein einsames Weihnachtsfest feierte, und das habe ich nie vergessen können.

Herr Sörensen war mein Lehrer in der ersten Klasse. Er war gut. Im Winter bröselte er sein ganzes Frühstücksbrot für die hungrigen Spatzen vor dem Fenster zusammen. Und wenn im Sommer die Schwalben ihre Nester unter den Dachvorsprung klebten, zeigte er uns die Vögel, wie sie mit hellen Schreien hin und her flogen. Aber seine Augen blieben immer betrübt.

Im Städtchen sagten sie, Herr Sörensen sei ein wohlhabender Mann. „Nicht wahr, Herr Sörensen hat Geld?“ fragte ich einmal meine Mutter. „Ja, man sagt’s.“ – „Ja … ich hab‘ ihn einmal weinen sehen, in der Pause, als ich mein Butterbrot holen wollte …“

„Herr Sörensen ist vielleicht so betrübt, weil er so allein ist“, sagte meine Mutter. „Hat er denn keine Geschwister?“ fragte ich. „Nein – er ist ganz allein auf der Welt…“

Als dann Weihnachten da war, sandte mich meine Mutter mit Weihnachtsbäckereien zu Herrn Sörensen. Wie gut ich mich daran erinnere. Unser Stubenmädchen ging mit, und wir trugen ein großes Paket, mit rosa Band gebunden, wie die Mutter stets ihre Weihnachtspäckchen schmückte.

Die Treppe von Herrn Sörensen war schneeweiß gefegt. Ich getraute mich kaum einzutreten, so rein war der weiße Boden. Das Stubenmädchen überbrachte die Grüße meiner Mutter. Ich sah mich um. Ein schmaler hoher Spiegel war da, und rings um ihn, in schmalen Rahmen, lauter schwarzgeschnittene Profile, wie ich sie nie vorher gesehen hatte.

Herr Sörensen zog mich ins Zimmer hinein und fragte mich, ob ich mich auf Weihnachten freue. Ich nickte. „Und wo wird Ihr Weihnachtsbaum stehen, Herr Sörensen?“ – „Ich? Ich habe keinen, ich bleibe zu Hause.“

Und da schlug mir etwas aufs Herz beim Gedanken an Weihnachten in diesem „Zuhause“. – In dieser Stube mit den schwarzen kleinen Bildern, den schweigenden Büchern und dem alten Sofa, auf dem nie ein Mensch saß – ich fühlte das Trostlose, das Verlassene in dieser einsamen Stube, und ich schlug den Arm vors Gesicht und weinte.

Herr Sörensen zog mich auf seine Knie und drückte sein Gesicht an meines. er sagte leise: „Du bist ein guter, kleiner Bub.“ Und ich drückte mich noch fester an ihn und weinte herzzerbrechend.

Als wir heimkamen, erzählte das Stubenmädchen meiner Mutter, ich hätte gebrüllt.

Aber ich schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, ich habe nicht gebrüllt. Ich habe geweint. Und weißt du, ich habe deshalb geweint, weil nie jemand zu Herrn Sörensen kommt. Nicht einmal am Heiligen Abend…“

Später, als wir in eine andere Stadt zogen, verschwand Herr Sörensen aus meinem Leben. Ich hörte nie mehr etwas von ihm. Aber an jenem Tag, als ich an seiner Schulter weinte, fühlte ich, ohne es zu verstehen, zum ersten Male, daß es Menschen gibt, die einsam sind. Und daß es besonders schwer ist, allein und einsam zu sein an Weihnachten.

Türchen 16: Ein Bärenleben – Teil 7

16. Dezember 2007 - 0:00 Uhr

Auch die Nachfrage beim Hersteller wahr enttäuschend. Und es waren nur noch zwei Tage bis Weihnachten. Sie versuchte so unauffällig wie möglich bei Jan nachzuhören, ob seine Begeisterung für den Bären immer noch so groß war – wer weiß, vielleicht war es nur ein Strohfeuer. Um so schmerzlicher war Jans Antwort „Oh, ja, der ist gaaanz toll!“ seine Augen strahlten dabei, als gäbe es sonst nichts in der Welt.

Frau Hansen konnte sich kaum auf die Dinge konzentrieren, die sie noch zu erledigen hatte. Eigentlich wollte sie erst morgen zum Frisör, aber sie zog sich um und ging spontan los. Wenigstens ein, zwei Stunden Ablenkung.
Als sie den Frisörladen betrat, stockte ihr der Atem. Sie wollte an etwas anderes denken und der ganze Laden war mit großen, kleinen, mittelgroßen Teddybären dekoriert. Manche trugen handgestrickte Zipfelmützen, andere selbstgebastelte Sterne zwischen den Pfoten. Frau Hansen fühlte sich so elend wie noch nie.

„Frau Hansen, was ist mit ihnen?“ fragte Frau Hagekorn, die Besitzerin besorgt. „Ach, das ist eine lange Geschichte.“ Frau Hansen rang um ihre Fassung und erzählte ihre Geschichte. „Und dann muss die alte Hagekorn auch noch ihren Laden so dekorieren!“ warf Frau Hagekorn mit einem leicht spöttischen Selbstvorwurf ein. „Entschuldigen sie, aber ich sammle schon seit meiner Kindheit Teddybären und wollte einmal eine besondere Dekoration. So so, beim alten Köstmann. Wann sagten sie – vor zwei ein halb Wochen? Frau Hagekorn verschwand kurz im Hinterzimmer und kam mit einer Papiertüte zurück, auf der in großen Lettern „Heinrich Köstmann, Spielwaren“ geschrieben stand.

„Es war nicht zufällig der hier? Ich habe ihn noch nicht einmal ausgepackt.“ „Doch, genau der! Ja, das ist er! Wie …“ Frau Hansens Stimme überschlug sich. „Sie möchten ihn also gerne haben?“ „Natürlich – was wollen sie dafür?“ „Natürlich die 22 DM, die sie auch bei Köstmann bezahlt hätten. Ich mache doch keine Geschäfte mit Kindergeschenken!“ sagte Frau Hagekorn mit gespielter Entrüstung.

Frau Hansen hüpfte und tanzte auf dem Heimweg und ihr war vollkommen egal, was die Leute darüber dachten. Sie hatte gerade Weihnachten gerettet.

Türchen 15: Erich Kästner: Der Weihnachtsabend eines Kellners

15. Dezember 2007 - 0:00 Uhr

Aller Welt dreht er den Rücken,
und sein Blick geht zu Protest.
Und dann murmelt er beim Bücken:
„Ach, du liebes Weihnachtsfest!“

Im Lokal sind nur zwei Kunden.
(Fröhlich sehn die auch nicht aus.)
Und der Kellner zählt die Stunden.
Doch er darf noch nicht nach Haus.

Denn vielleicht kommt doch noch einer,
welcher keinen Christbaum hat,
und allein ist wie sonst keiner
in der feierlichen Stadt.

Dann schon lieber Kellner bleiben
und zur Nacht nach Hause gehn,
als jetzt durch die Straßen treiben
und vor fremden Fenstern stehn.

Türchen 14: Ein Bärenleben – Teil 6

14. Dezember 2007 - 0:00 Uhr

Ja, Frau Hansen wusste halbwegs genau, was sie einkaufen soll. Julias Wunschzettel war recht leicht zu erfüllen. Natürlich gab es einige Abstriche da, wo es das Finanzielle einfach nicht her gab. Aber dies waren zum Glück keine wirklichen Herzenswünsche.

Ein wenig schwieriger tat sich Frau Hansen bei den Geschenken für Jan. Da war ja nur ein Wunsch. Sie versuchte sich zu erinnern, was Jan ansonsten gern mochte, ganz einfach um beiden gleichwertig zu begegnen. Für ihr eigenes Empfinden gelang es ihr wirklich gut.

Am Ende des Einkaufmarathons wendete sich Frau Hansen nun Herrn Köstmann zu. Herr Köstmann freute sich sichtlich Frau Hansen wieder zu sehen. Um so irritierender fand sie seine Reaktion, als das Gespräch auf den Bären kam. Plötzlich wurde Herr Köstmann sehr ernst.

„Frau Hansen, ich habe hier wirklich alles, was sie haben möchten. Aber genau diesen Bären, den habe ich leider heute morgen verkauft. Und leider – leider – es war der Letzte. Und es fällt mir schwer, das zu sagen, aber der wird auch nicht mehr hergestellt. Ich hatte den selbst schon einige Jahre auf Lager und habe ihn gerade dieses Jahr noch einmal heraus gekramt. Das wird schwierig. Ich kann ihnen die Adresse des Herstellers geben, vielleicht weiß der, wo es diesen Bären noch geben kann. Aber machen Sie sich nicht allzu viel Hoffnung.“

Hoffnungslos war das Wort, was Frau Hansens Zustand am ehesten beschreiben konnte. Sie lief, voll bepackt mit den Dingen, die sie bereits gekauft hatte von Laden zu Laden, aber keine Spur von diesem Bären.

Auch alle Telefonate in den nächsten Tagen, welches Geschäft diesen Bären noch haben könnte führte nicht zum Erfolg. Frau Hansens Herz zog sich zusammen, sie konnte den Herzenswunsch ihres Sohnes nicht erfüllen.

Türchen 13: Joachim Ringelnatz: Schenken

13. Dezember 2007 - 0:00 Uhr

Schenke groß oder klein,
Aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten
Die Gaben wiegen,
Sei dein Gewissen rein.

Schenke herzlich und frei.
Schenke dabei
Was in dir wohnt
An Meinung, Geschmack und Humor,
So dass die eigene Freude zuvor
Dich reichlich belohnt.

Schenke mit Geist ohne List.
Sei eingedenk,
Dass dein Geschenk
Du selber bist.

Türchen 12: Ein Bärenleben – Teil 5

12. Dezember 2007 - 0:00 Uhr

Jan und Julia spielten sehr selten wirklich zusammen. Die beiden waren eher wie Hund und Katze. Um so mehr erstaunte es Frau Hansen, dass die beiden plötzlich still und friedlich am Tisch saßen und schrieben und malten, das Ganze ansahen, zerrissen um noch einmal neu anzufangen.
Das Resultat des Ganzen war Jans Wunschzettel.

Julias Wunschzettel war eigentlich nicht besonders spektakulär. Bis auf den letzten Wunsch: „und bitte für Jan auch das, was er sich wünscht.“ Frau Hansen entfaltete Jans Wunschzettel.

Er war liebevoll von Jan ausgemalt, einem Häuschen und einem irgendwas, dass irgendwie an einen Bären erinnert und aufgeklebte Sternchen. Dazu stand in Julias Handschrift:

„Liebes Christkint, ich wünsche mir zu Weinachten nur 1: Ich möchte nur diesen Tetty haben, den ich bei Onkel Köstman gesehen habe. Ich bin auch ganz lib, und zanke auch nicht mehr mit Julia. Jan“

Frau Hansen war sehr berührt von den Wunschzetteln. Es war für sie das erste Mal, dass die beiden etwas wirklich zusammen gemacht haben. Als sie die Wunschzettel ihrem Mann zeigte, war dieser sichtlich bewegt, aber mit der ihm eigenen Art entgegnete er: „Tja, dann weißt Du aber auch wenigstens genau, was du kaufen sollst.“

Türchen 11: Hugo Salus: Christabend

11. Dezember 2007 - 0:00 Uhr

Christabend war’s. Ich träume durch die Gassen,
vom Weihnachtsglanz mein Herz durchglüh’n zu lassen.
Mein Herz war fromm, als ob durch jede Flocke
das Bluten einer wunden Seele stockt.

„Frieden auf Erden und den Menschen allen
Glückseligkeit und stilles Wohlgefallen!“
Da, wie ich ging, zerstörte meine Träume
ein Haufen unverkaufter Weihnachtsbäume.

Sie lagen auf dem Pflaster da, vergessen
und schneebedeckt, als wär ihr Grün vermessen,
als schämten sie sich ihrer hellen Farben,
die doch so gern, um heut zu leuchten, starben.

Gleich einer Gauklerschar, im Wald erfroren,
die tief im Schnee den Weg ins Dorf verloren,
so lagen sie und sah’n aus ihrem Dunkel
rings in den Fenstern strahlendes Gefunkel.

Sie lagen da wie unerfülltes Sehnen,
erträumter Schimmer, ausgelöscht durch Tränen,
wie Leid, das wirr um die Erlösung betet,
wie Kinderjauchzen, das der Hunger tötet.

Sie lagen da, verschüchtert und verbittert,
vom Frost des Elends bis in Mark durchzittert,
den Glanz verfluchend, gleich Millionen Seelen,
in denen heut die Friedenslichter fehlen.