Blog-Karneval-Beitrag Malaria

25. April 2009 - 0:01 Uhr

Herr Fischer hat zum Blogkarneval gerufen, um am Welt-Malaria-Tag (heute!) für Roll Back Malaria Aufmerksamkeit zu erzeugen. Dem möchte ich doch gerne folgen.

Malaria scheint für wohl die meisten sehr weit weg, wenn nicht eine Reise in ein fernes Land ansteht, in dem diese Krankheit noch fröhliche Urstände feiert. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass auch hier in Europa diese Krankheit heimisch war. Auch hier in Deutschland, wo es 1783 Friedrich Schiller als vielleicht Prominentesten traf. Aber auch noch bis 1946 im Emsland, und Italien wurde erst 1970 als malariafrei eingestuft. Ich möchte mich nicht so sehr mit dem Lebenszyklus der Plasmodien mit ihrem Generationswechsel aufhalten, da dies an anderer Stelle schon gut beschrieben ist. Wer dem Link nicht folgen mag – ich frage das später ab ;-). Insgesamt ist das Thema so weit zu fassen, dass es bei Weitem nicht in einem einzelnen Blogpost abzuhandeln ist. Ich kann daher nur Facetten beleuchten. Die einfachste Lösung des Problems wäre eine Schutzimpfung, aber die gibt es bisher nicht. Also müssen bis auf Weiteres alternative Wege beschritten werden.

Eindämmung

Da der Hauptüberträger die Anopheles Mücke ist, bietet es sich an, hier den Hebel anzusetzen. Es wäre vergeblich sich zum Ziel zu setzen diese vollständig auszurotten, sondern es geht in erster Linie darum Anopheles plasmodienfrei zu bekommen. Nichtsdestotrotz wurde versucht, das Massenvorkommen einzudämmen; in Europa erfolgreich, in den tropischen Gebieten kam nach anfänglichen Erfolgen (so hatte man gute Hoffnung, in Indien und Sri Lanka die Malaria fast besiegt zu haben, als die Zahl in Sri Lanka nur noch bei 20 Fällen lag und in Indien die Zahl von 75 Millionen in den 1950ern auf 50.000 1961 zurückging) die Malaria wieder zurück. Bereits 1971 lag die Zahl für Indien wieder bei 1,3 Millionen und Sri Lanka hatte eine Epedimie mit 500.000 Fällen Ende der 1960er zu verzeichnen.

Tötet die Brut!

Der Hauptansatzpunkt bei der Bekämpfung der Anopheles in Europa richtete sich gegen ihre Larven. Diese wachsen im Wasser auf. Auch wenn sich Anopheles in der Auswahl des „Gewässers“ ausgesprochen genügsam zeigt – es genügt eine Pfütze oder Wasseransammlung in einer Astgabel, vorausgesetzt sie fällt über die Entwicklungszeit nicht trocken – so mag sie es jedoch ganz gerne rundum feucht um sich massenhaft zu vermehren. So hat die Trockenlegung ehemaliger Sumpfgebiete Anopheles einigen Lebensraum gekostet, und da wo die Trockenlegung nicht hinkommt wurden Öle versprüht, die der Anopheleslarve die Luft zum atmen nahm und damit die Population dezimierte. Ein weiterer Verbündeter im Kampf gegen die Larven – wenn auch erst in neuerer Zeit – ist der Bacillus thuringiensis israelensis, der durch seine Endotoxine die Larven mächtig dezimiert.

Kollateralschaden in der Camargue

Nun kann man nicht alle Sumpfgebiete trocken legen oder mit Öl besprühen, vor allem, wenn es sich um ein Naturschutzgebiet wie die Camargue in Südfrankreich handelt. Dort und an anderen Orten wurde Anopheles mit einem an sich liebenswerten kleinen Fischlein namens Koboldkärpfling oder vornehm Gambusia affinis zu Leibe gerückt. Diese kleinen Burschen haben zwei große Hobbies: Mückenlarven fressen und sich vermehren. Wo das erste Hobby durchaus erwünscht ist, hat das zweite jedoch Auswirkung auf einen unbeteiligten Verwandten, nämlich Aphanius fasciatus. Diese heimische Art legt Eier, während Gambusia lebendgebärend ist und somit einen klaren Vorteil bei der Vermehrung hat. Uwe Römer untersuchte dort 1990 den besorgniserregenden Rückgang von Aphanius fasciatus [1]. Nur zwei Jahre später konnten wir während einer Exkursion auch in einem von Römer als gambusenfrei beschriebenen Gewässer bei Cacharel massenhaft Gambusia finden, aber keine Spur mehr von Aphanius [2]. Auch wenn dies den Gesamtbestand dieser Art nicht in Gefahr bringt, liegt doch der Verdacht nahe, dass sie sich aus der Camargue verabschiedet hat, genau wie die Malaria.

Dead on First Sting

Auch den adulten Mücken wird nachgestellt. Nun ist es müssig, allen Mücken mit der Klatsche hinterher zu laufen. Wesentlich bei der Bekämpfung von Malaria ist es, den Übertragungsweg zu blockieren. Ein Stich an sich ist harmlos, so lange keine Plasmodien in der Mücke vorkommen [3]. So macht man sich eine Angewohnheit von Anopheles zu Nutze, sich nach einer Blutmahlzeit zuerst einmal einer ausgiebigen Siesta hinzugeben. Dazu nimmt sie gerne an Wänden oder sonstigen Gegenständen Platz und verdaut erst einmal. Da liegt es nahe, diese Wände mit DDT zu besprühen und somit den Kreislauf zu brechen. Jetzt mögen diese Mücken blöd sein, gemessen an menschlichen Maßstäben, aber auch sehr fertil. Das heißt, mit der Zeit züchtet man resistente Stämme und das Ganze wird in vielen Regionen unwirksam.

Prophylaxe und Behandlung – kurz gefasst

Wie Eingangs bereits erwähnt, können in einem einzigen Artikel nicht alle Dinge abgehandelt werden. Dieser Teil daher nur angerissen; schließlich bin ich auch kein Mediziner ;-). Am besten ist es wohl, man lässt sich erst gar nicht stechen. Dabei kann es hilfreich sein, die Haut bedeckt zu halten, mückenabschreckende Mittel zu verwenden und unter Insektizid-behandelten Moskitonetzen zu nächtigen. Wenn es schon nicht komplett vermeidbar ist, von Anopheles gestochen zu werden und sich damit die Erreger einzufangen, sollte man wenigstens verhindern, dass die Krankheit ausbricht. In vielen Gebieten wird eine Chemoprophylaxe empfohlen, die allerdings auf gebietsspezifische Resistenzen abgestimmt sein sollte. Trifft einen die Krankheit doch, war lange Zeit Chloroquin das Mittel erster Wahl. Nach anfänglich guten Erfolgen mit Chloroquin traten bereits in den 1960ern Resistenzen gegen dieses Mittel auf. Aus heutiger Sicht werden vor allem Artemisinin-haltige Präparate empfohlen.

Armut, Politik und Malaria

Es gibt schon zu denken, warum Malaria gerade in den ärmeren Gebieten wieder auf dem Vormarsch ist. Bei der Versorgung mit Medikamenten und prophylaktischen Maßnahmen wie die Insektizid-behandelte Moskitonetze stößt man schnell auf zwei einschränkende Faktoren: Das eine ist die Kostenfrage, denn das Ganze kostet ja auch Geld und genau das ist in diesen Ländern Mangelware. Auf der anderen Seite wiederum drückt eine hohe Zahl an Malaria Erkrankten ganz erheblich auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Spätestens da beißt sich die Katze in den Schwanz. Hinzu kommt, das gerade inden am stärksten betroffenen Gebieten human gefestigte politische Systeme auch Mangelware sind, die eine ausreichende und nachhaltige Versorgung gewährleisten könnten.

Bodycount

Ich persönlich finde die Zahlenfuchserei, wie viele Menschen einer Krankheit, einer Naturkatastrophe oder Krieg zum Opfer fallen schon ein wenig morbide. Unterm Strich sind es dann doch letztendlich „zu viele“. Und hier macht es Malaria dem Statistiker eben auch nicht leicht. Da Malaria nicht per se tödlich ist, aber den Gesamtorganismus erheblich schwächt, ist es gerade dann schwierig, wenn Begleiterkrankungen hinzukommen, die ihrerseits eben auch nicht zwangsweise mit dem Tode enden. Was soll man dann auf den Zettel an der großen Zehe schreiben? Roll Back Malaria beziffert die Sterbefälle pro Jahr auf 881.000.

Return on Investment

Zugegeben, diese Überschrift entbehrt nicht eines gewissen Sarkasmus. Aber wem die humanitäre Herausforderung nicht ausreicht und lieber in Kosten und Nutzen denkt, dem sollte dieses Thema auch von dieser Seite lohnenswert erscheinen. Alleine in Afrika schmälert Malaria das ökonomische Einkommen pro Jahr um 12 Milliarden US-Dollar. Dem stehen allerdings – nach Zahlen von Roll Back Malaria – lediglich Kosten von 4,2 Milliarden US-Dollar jährlich für eine effektive Malariabekämpfung weltweit gegenüber.

Vor einem Jahr hätte man vielleicht bei einer Summe von 4,2 Milliarden Dollar noch weiche Knie bekommen und sich gefragt wer denn das bezahlen soll, aber bei den Summen, die momentan durch alle Winde geschossen werden scheint mir das ein guter Deal zu sein.

[1] Römer, U. (1991k): Zur Situation von Aphanius fasciatus in der Camargue. DATZ Aquarien Terrarien 44 (12): 802 – 804

[2] Bericht über die Meersbiologische Exkursion der Fachrichtung Zoologie der Universität des Saarlandes zur Côte d’Azur und in die Camargue 1992

[3] Ich habs gesagt: Ich frage ab! ;-)

6 Kommentare zu “Blog-Karneval-Beitrag Malaria”

  1. Fischer meint:

    Hihi, der Lebenszyklus von Malaria ist guter Prüfungsstoff. Richtig fies wird’s ja, wenn man sowas abfragt…

    Die wirkliche Unverschämtheit ist ja, dass es sechs Jahre gedauert hat, bis überhaupt irgendjemand Geld für RBM rausgerückt hat.


  2. Quintus meint:

    Diese Abfrage wäre bestimmt … interessant. Könnte aber einige Leser abschrecken :-D.

    Ich glaube gerade bei der Finanzierung liegt ein ganz grundsätzliches Problem: So lange die betroffenen Länder wirtschaftlich nicht in der Lage sind, Forschung und Anwendung in die eigenen Hände zu nehmen und vom guten Willen eines edlen Spenders abhängig sind, könnte es durchaus sein, dass die Problematik sich immer wieder wiederholt.


  3. Carmen meint:

    Finde ich toll, dass du da mitmachst. Man muss den Kampf gegen Malaria ja nicht nur den Ashton Kutchers überlassen;-)

    Ich habe in Nicaragua erlebt, wie es ist, wenn jemand Malaria hat. Allerdings eine relativ „harmlose“ Variante. Ich blieb gesund, hätte aber auch genug Geld gehabt, um mich vernünftig behandeln zu lassen. Das Glück haben die Menschen dort i.d.R. nicht.

    Wenn Malaria ein Problem der Industrieländer wäre, gäbe es längst einen Impfstoff oder wirklich wirksame Medikamente…

    PS (Themenwechsel) Kommst du nachher ins Oro? Werde wohl beim Twitterstammtisch vorbeischauen…


  4. Quintus meint:

    @Carmen: Das mit der „Attraktivität“ um das Ganze zu Finanzieren hat Norbert Blüm auf den Punkt gebracht:

    „Die Pharmaindustrie gibt weltweit doppelt so viel Forschungsmittel im Kampf gegen Haarausfall und Erektionsschwächen aus wie gegen Malaria, Gelbfieber und Bilharziose. Das ist marktwirtschaftlich konsequent, denn die Kunden mit Erektionsschwächen und Haarausfall haben in der Regel mehr Kaufkraft als die Malaria- und Gelbfieberkranken.“

    Ich bin heute Abend auf einen Geburtstag eingeladen, kann daher nicht gleichzeitig im Oro sein ;-). Saa mool scheene Gruß ;-).


  5. Carmen meint:

    Tja, Norbert Blüm hatte ja nicht IMMER recht, aber hier hat er es auf den Punkt gebracht…

    War übrigens sehr nett gestern Abend. Habe eine Frau kennen getroffen, die ich in einem ganz anderem Zusammenhang vor 15 Jahren kennen gelernt habe. Die ist übrigens auch an deinem Blog und Twitter interessiert. Ich werde euch mal verkuppeln;-)

    Da ich das mit dem RT noch nicht hinkrieg (pst, nicht weitersagen), hier eine Info von Andi (http://twitter.com/andi1984):
    Bitte RT: Zur Übersicht über alle #Twitteruser aus dem #Saarland bitte in die offiz. Gruppe eintragen (Join Group) http://tr.im/jJTu


  6. Quintus meint:

    Freut mich, dass Du einen schönen Abend hattest – vielleicht klappt es ja bei dem Maitermin (obwohl da viiiiele Geburtstage anstehen ;-)).

    Na dann bin ich mal gespannt auf neue Besucher :-).

    In der Gruppe bin ich schon; und ich glaube, ich muss das nicht mehr RT, da alle meine wenigen Follower schon angezwitschert sind ;-).