Tristesse 2.0

19. März 2009 - 0:12 Uhr

Die schönsten Momente in Björns Leben waren die, in denen seine Frau die Klappe hielt. Diesen Augenblick der Ruhe und der Gewissheit, dass dies nun sein Moment war. Konzentriert aber dennoch gelassen versuchte er, genau das herüberzubringen, was ihm wichtig war und am Herzen lag. Manchmal gelang ihm das nicht so recht. Dann musste Roswita erneut die Klappe halten und die Einstellung wurde wiederholt.

Das waren die Augenblicke, in denen Björn ab und an zögerlich wurde. Wurde es denn seinem Anspruch auf Authentizität nicht kompromittieren, wenn die Realität durch mehrere Anläufe, die dem Zuschauer verborgen bleiben, verbogen würde? Die Selbstzweifel waren für ihn der Preis für seine hoch gesteckten Ziele. Er wollte nicht weniger, als den langweiligsten Monumentalfilm aller Zeiten drehen. „Mein Leben auf dem Sofa“ sollte nur ihn auf dem Sofa in den Fernseher starrend zeigen und die vorbeistreichende Zeit als eigentlichen Hauptdarsteller herausarbeiten.

Selbst die Szene, als er sich aus Versehen ein Glas Wein über die Hose goß, fiel der Schere zum Opfer. Obwohl er dabei vollkommen stoisch reagierte, fürchtete er, dass dies eine Einstellung war, die von irgendwem als lustig empfunden werden könnte. So zogen sich die Dreharbeiten wie zäher Brei über die Jahre, aber Björn wusste im Herzen, dass es sich am Ende lohnen würde.

Alle seine Träume zerbarsten in nur einem einzigen Augenblick, als er während der Dreharbeiten im Fernseher sah, dass ein Kollege in Amerika mit einem epochalen Werk auf sich aufmerksam machte. Der fünfstündige Film „Moss on a Stone“ zeigte einen Stein, der langsam von Moos überzogen wurde. Unter Kunstlicht, so dass noch nicht einmal Lichtwechsel das Auge irritieren konnten.

Roswita war leichenblass. „Und jetzt?“ Sie war sichtlich besorgt aufgrund der neuen Situation. „Was jetzt?“ Björn machte ein kurze aber dennoch langsame Handbewegung und schaltete zum nächsten Programm und schwieg. Da wurde es Roswita bewusst, dass Björns Rolle nun sein Leben war. Wenige Tage später verließ sie ihn. Björn vermisste noch nicht einmal die Klappe.

Ein Kommentar zu “Tristesse 2.0”

  1. Inishmore meint:

    Ich hab vor Erschütterung die Butter neben meinen Frühstücksweck geschmiert. Okay, es war eher vor Lachen…