Von Verhüterlis und Tünche

18. März 2009 - 16:06 Uhr

Ich mag mich nicht an der Diskussion über Sinn und Unsinn von Kondomen und der Haltung der katholischen Kirche zu diesem Thema beteiligen. Weniger aus dem Umstand, dass ich dazu keine Meinung hätte, aber mir scheint, als sei dazu schon lange fast alles gesagt. Die Diskussion ermüdet nur noch und wird wohl auf längere Sicht fruchtlos bleiben.

Immerhin auf tagesschau.de gibt es einen kleinen Hinweis, dass der Papstbesuch in Kamerun auch einen anderen Aspekt hat, über den man in der deutschen Presse recht wenig berichtet. In Yaoundé wurde pünktlich zum Papstbesuch ein „Frühjahrsputz“ durchgeführt, bei dem kleine Läden, Barracken und Häuser eingerissen und beseitigt wurden, die dem ästhetischen Empfinden abträglich waren. Da wird sich die Hoffnung des Händlers Francis kaum erfüllen:

„Wenn der Papst sehen würde, in welchen Bedingungen wir leben, würde er viel verstehen“, sagt der Händler Francis. „Er wird viel mehr verstehen, als wenn er sich nur das Theater anschaut, dass die Politiker für ihn veranstalten werden.“

Warum darüber nicht mehr berichtet wird, weiß ich nicht. Schließlich meldete Reuters dies schon ausführlich am 10. März. Plötzlich einsetzende Copy-Paste-Hemmung?

Geht man über Global Voices ein wenig mehr in die Tiefe, ergibt sich ein wesentlich differenzierteres Bild.

Griet, Thorsten, Jara and Lisa in Cameroon entlarven die Aussage von Tonye Bakot, Erzbischof von Jaunde, dass diese Maßnahmen in keinem Zusammenhang mit dem Papstbesuch stehen, sehr schnell und geben einen Einblick, welche negativen Folgen für die Leute in der Stadt entstehen.

As a consequence – or should I say precursor – of this visit, some dramatic measures have been taken.
1 All small shops, houses, vendor’s stalls that don’t look nice enough are being destroyed with a large caterpillar. The truck comes by, looks at your stall/house/whatever and if the driver doesn’t like, he just destroys it with all its content. It all started about a week ago in the city centre. Suddenly the streets did not house streetvendors anymore, all the local shops at the post office disappeared etc. Now it’s been extended all the way to the airport.
2 The road to the airport has brand new streetlights. But then ONLY the way from the airport to the town centre.
3 Tuesday (for sure, other days to be confirmed) the road between airport and town centre will be blocked. Note: the pope arrives in the evening, but the road needs to be blocked from EARLY MORNING. Hence nobody can get to/from work, school etc.
4 It has been announced on the radio that all shops and houses on the road to the airport etc need to keep all windows and doors closed on Tuesday – police will patrol to make sure orders are followed.
5 As a result of all this, tension has risen in town centre among street vendors and shop owners and riots cannot be ruled out… Keep indoors I would say.
6 As said before, the Pope will do a mass on Thursday in the Stadium. It’s open for the public but tickets are 1000 FCFA (almost 2 Euro) and people will have to walk kilometers to get there as the roads will be blocked, obviously.

Eine sehr heftige Diskussion wird auch bei „Our Man in Cameroon geführt“. Ein Spannungspunkt dabei ist, dass die Gebäude rein rechtlich betrachtet illegal errichtet wurden, auf der anderen Seite aber die einzige Lebensgrundlage für die betroffenen Menschen waren. Daran entzündet sich eine Diskussion, ob Hilfsorganisationen religöser oder weltlicher Prägung „besser“ sind.

Mir scheint, dieses Vorgehen und die Situation vor Ort böten genügend Grundlagen für eine fruchtbare Diskussion, wenn man sie denn führen wollte.

In dem Diskurs bei Our Man in Cameroon wird auch auf eine Studie der OECD zum Stand der Entwicklungshilfe verwiesen. Die referenzierte Studie ist von 2004 und liegt mittlerweile auf dem Stand 2007 vor. Im Überblick wird bereits die Brisanz durch die derzeitige Wirtschaftslage deutlich:

Aid continued to increase in 2007, once exceptional debt relief is excluded from the figures. But the increase was only 2% on 2006. This is much too slow if donors are to meet their commitments to increase aid by 2010. In particular, most G8 countries will need to rapidly expand their aid if they are to meet the commitments they undertook at the Gleneagles summit in 2005.
The current financial crisis will increase pressure on donor aid budgets. But to avoid further harming the countries that have already suffered most from soaring food and oil prices, the OECD is urging governments to take an Aid Pledge to stick by their existing aid commitments.

Ein Chart daraus verdeutlicht dies recht gut:

Die Graphen zeigen den Verlauf der geleisteten Entwicklungshilfe bis 2007 zum einen in prozentualem Bezug zum Bruttonationaleinkommen (blau, linke Achse) wie auch in der Gesamthöhe (magenta, rechte Achse in Milliarden Dollar) und den Anteil für Afrika (grün, rechte Achse). Der zunächst optimistisch anmutende Knick nach oben in 2005 und 2006 ist der Entschuldung des Iraks und Nigerias zu verdanken. Darüber hinaus wird bis zum Jahr 2010 extrapoliert auf den Wert, zu dem sich die DAC Mitgliedsstaaten verpflichtet haben. Da muss sich noch einiges bewegen und das in einer ausgesprochen ungünstigen Zeit.

Kommentare sind geschlossen.