Aus dem tiefen Tal der Ahnungslosen

27. September 2008 - 22:46 Uhr

Matthias Landau beleuchtet in seinem Artikel „Welcher Kamerasensor setzt sich durch?“ bei Spiegel Online die mögliche weitere Entwicklung im Bereich der digitalen Spiegelreflexkameras. Wie mir scheint – um im Bild zu bleiben – deutlich unterbelichtet. Nicht nur, dass der Text doch sehr an der Oberfläche bleibt – man mag es dem Umstand schulden, dass die Zielgruppe bei Laien gesucht wird – nein, er ist in Teilen schlicht falsch.

Es mag noch linsenspalterisch sein, dass Objektive nicht ins Altglas sondern in den Elektronikschrott entsorgt gehören, wenn sie denn ihren Dienst aufgrund von Unzulänglichkeiten oder Defekt beenden.

Die Herleitung, warum der kleine, Halbformat-Sensor derzeit noch sehr verbreitet ist, ist ja im Grunde nicht falsch:

Dabei galt lange das Halbformat als das Nonplusultra in der digitalen Spiegelreflexfotografie. Denn der Preis für Sensoren steigt exponentiell mit der Größe. Also verbaute und baut man immer noch Sensoren mit etwa halbem Kleinbildformat. Da diese Größe etwa dem (niemals erfolgreichen) Filmformat APS-C entspricht, werden solche Kameras oft als APS-Sensorkameras bezeichnet.

Aber dann versteigt er sich in die These:

Die Größe des Sensors wirkt sich jedoch direkt auf das Foto aus. Je kleiner der Sensor, desto kleiner ist der fotografierte Bildausschnitt – und Objektive müssen neu entworfen werden, damit sie wieder einen großen Bildausschnitt abbilden.

Da wird es schon sehr haarig. Ja, der Bildauschnitt wird kleiner, zu den Konsequenzen später. Ja, es müssen neue Objektive gebaut werden. Allerdings nicht so sehr wegen der Sensorgröße, sondern aufgrund der glänzenden Eigenschaften dieser Dingelchen im eigentlichen Wortsinn. Wo früher ein matter Filmstreifen der Aufnahme entgegensah, ist nun ein spiegelnder Sensor angebracht. Dieser würde nun, wenn man ihn ließe, hübsche Reflexe in die Optik werfen und wieder zurück. Da dies aber nicht im Sinne des Erfinders ist, muss dem in der Bauform und durch spezielle Vergütungen der Linsen entgegengewirkt werden. Diese Maßnahme gilt für alle Sensor-Varianten.

Die Entwicklung spezieller, nur für die Halbformat-Sensoren tauglicher Objektive, hat zunächst einmal einen Kostenhintergrund. Hochwertige Optiken sind eine teure Angelegenheit und umso teurer, je größer die Fläche, die damit belichtet werden soll. Es liegt also nahe, sich auf die tatsächlich vorhandene Abbildungsfläche zu reduzieren. Auf der anderen Seite, und da kann der „Kleine“ seine Stärken ausspielen, werden so lichtstarke Objektive auch bei größerer Brennweite möglich und bezahlbar, die im Vollformat aufgrund der gegebenen Einschränkungen der Bauform nicht möglich oder zumindest für die meisten Hobby-Fotografen unerschwinglich bleiben. Immerhin ein Trumpf, den der kleine Kerl neben der Kostenfrage für den Sensor im Ärmel hält.

Die Verwirrung, die Herr Landau heraufbeschwört, hält sich dann bei Licht betrachtet doch sehr stark in Grenzen. Ein Wechsel vom Halb-Format-Sensor zum FourThirds-Format ist eher Unsinn und wird wohl deshalb auch gar nicht mehr weiter verfolgt. Diese Technik hat zwar den charmanten Vorteil, offener Standard zu sein, bietet aber keine technischen Vorteile um die Branchenriesen in diese Richtung zu treiben. Und, dass Leica tatsächlich noch einmal das Format bestimmt, ist eher zweifelhaft. Es ist eher ein Fakt der Geschichte, dass Leica eher als erster dem Wunsch nach einer reinen Still-Kamera in diesem Format nachgekommen ist, als ein neues Format zu kreieren. Wesentlich mehr Sinn macht da der Schritt vom Halb- zum Vollformat. Ob nun Nikon seine speziellen Objektive „DX“ betitelt oder Canon „EF-S“, beide sind Spezialisten für das Halb-Format, denen aber eine reiche Palette von Objektiven zur Seite stehen, die für beide Sensorformate geeignet sind. Wer einen späteren Wechsel zu einem Gehäuse mit Vollformatsensor im Hinterkopf hin und her bewegt, muss also nur um diese Spezialisten herumgreifen. Markengebunden bleibt man ohnehin, und daran wird kein Hersteller rütteln lassen. Zudem macht Herr Landau den Fehler, hier auf Profis und investitionsfreudige Amateure als Käuferschicht zu fokusieren. Gerade diese Gruppe wird das mittlere Preissegment der reinen Halbformatobjektive per se eher meiden, es sei denn das Objektiv macht wie oben beschrieben das „Unmögliche möglich“.

Warum sollte man nun einen Umstieg, sobald digitale Vollformatkameras in Reichweite des Geldbeutels rücken, überhaupt in Erwägung ziehen wollen? Die Jagd nach dem ultimativen Megapixel kann es eigentlich nicht sein. Ich behaupte, für 99% der Fälle sind im ambitionierten Amateurbereich 10 Megapixel vollkommen ausreichend. Solange man Fotos lediglich auf dem Bildschirm betrachtet oder postkartengroße Ausdrucke haben möchte, reichen sogar 4 Megapixel. Wer natürlich einen winzigen Bildausschnitt als Fototapete drucken lassen möchte, dem können es nie genug Pünktchen sein. Aber wann hat einem zum letzten mal dieser Gedanke geritten? Posterformat ist locker drin.

Es sind eher andere Qualitäten, die zu einer Vergrößerung des Sensors führen. Kommen wir zuerst wieder auf den Bildausschnitt zurück. In diesem Bereich gibt es Licht und Schatten. Wie schon oben beschrieben, kann der kleine Sensor bei Teleobjektiven mit höherer Lichtstärke punkten zu Lasten der universellen Verwendbarkeit. Aber auch Vollformat taugliche Objektive „gewinnen“ bei Halbformatkameras bei der Abbildung virtuell das 1.6 fache an Vergrößerung. Das macht das Leben bei Teleobjektiven leichter, bei Weitwinkel schwerer. Denn ein Vollformat-Weitwinkelobjektiv mit 28 mm Brennweite mutiert im Halbformat gerade mal zum Normalobjektiv und ein 50 mm Normalobjektiv mutiert im Bildausschnitt locker zum Porträt-Teleobjektiv. Das ist aber nicht vollkommen egal. Gerade ein Porträt-Tele zeichnet sich auch durch eine gewisse „Unzulänglichkeit“ aus. Große Blende gepaart mit hoher Brennweite reduziert die Schärfentiefe, was hier aber durchaus gewollt ist. Man möchte die abgebildete Person gerne mit genügender Schärfe (bin richtig stolz darauf nicht „möglichst scharf“ geschrieben zu haben ;-)) zeigen und den Hintergrund eher unscharf belassen. Um dies mit einem 50 mm Objektiv zu erreichen, muss es schon extrem lichtstark sein, um diese geringe Schärfentiefe zu erreichen. Auch die Verwendung eines „echten“ Porträt-Teleobjektivs und Vergrößerung des Abstands ist hier ein wenig kontraproduktiv, da zum einen mit dem Abstand die Schärfentiefe zunimmt und zum anderen ist es auch rein emotional ein Unterschied, ob man aus angenehmer Entfernung leise „guck mal“ sagt oder das aus der Entfernung brüllt ;-). Insgesamt ist hier die Größe des Sensors mit Vor- und Nachteilen behaftet.

Wo es aber wirklich interessant wird, ist der Bereich Dynamikumfang. Da sind die Digi-Kameras ohnehin mit schmaler Brust aufgestellt. Hier sind echte Zugewinne zu erwarten, denn hier kommt es ausnahmsweise mal wirklich auf die Größe an. Gehen sie doch mal beim Elektrodiscounter zuerst durch die Fernsehabteilung, dann durch die Fotoabteilung. An den schönen neuen Fernsehern pappt immer ein Schild, dass den Kontrastumfang herausprotzt. In der Fotoabteilung suchen sie das bei Kameras vergeblich. Das mag daran liegen, dass es weitestgehend verschwiegen wird, dass auch neue Digitalkameras um einen Faktor 10 hinter ihren altforderen Filmwechseldingelchen hinterherhinken. Erreichen diese ein Kontrastverhältnis von 10.000:1, dümpeln die digitalen Brüderchen und Schwesterchen bei etwa 1.000:1 herum. Das ist der Abbildung von Licht und Schatten abträglich. Es wird eher ein Licht oder Schatten. HDR-Fotografie ist da auch nicht das Gelbe des Kolumbuseis, da es derzeit nur bei unbeweglichen Motiven taugt. Da gibt es wirklich Aufholbedarf.

Alles in Allem ist es eher der Geldbeutel und der Anspruch, der derzeit eine Anschaffung einer Kamera und Objektiven in eine gewisse Richtung lenkt. Eine Angst vor Formatänderung des Sensors als erstes Kriterium zu suchen halte ich für kurzsichtig und eher inkompetent. Die weitmeisten werden sich auf Jahre für eine Kamera und Ausrüstung entscheiden. Wer es sich leisten kann, immer auf den neuesten und schnellsten Zug zu springen, dem geht der Wechsel ohnehin eher locker von der Hand.

Aus den genannten Vorzügen und Nachteilen der verschiedenen Formate könnte sich auch eher ein Trend ergeben, nicht nur das Objektiv als austauschbares Element zu sehen sondern auch das Gehäuse als Träger des Sensors. Die Kombination macht’s, nicht das Format.

Und: Das was wirklich, wirklich entscheidet, ist der Mensch hinter dem Sucher und das Motiv vor der Linse. Technisch unbeeinflussbar ;-).

Ein Kommentar zu “Aus dem tiefen Tal der Ahnungslosen”

  1. Zippo meint:

    Es sollte noch erwähnt werden, dass sogenannte Vollformatsensoren auch den Nachteil der geringen Schärfentiefe haben, vor allem bei Makro, aber auch bei der Available-Light-Fotografie.

    Ich selbst fotografiere ausschließlich ohne Blitz und wünsche mir dann manchmal selbst mit dem sogenannten „APS-C“-Format mehr Schärfentiefe.

    Viele Grüße von Zippo!