Extreme Anprangering

30. Juli 2008 - 14:28 Uhr

Ich mag ja Betroffenheitsjournalismus. Es macht einfach Spaß zuzusehen, wie das ZDF über die Einschränkung der Pressefreiheit in Peking berichtet. Die Beklommenheit ist nahezu greifbar, wenn Johannes Hano berichtet:

Wir haben immer noch Probleme. Neulich erst ist ein Team von uns herausgefahren aus der Stadt, wollte zu einem Wanderarbeiterdorf, da hat uns die Polizei mit einem Auto einfach touchiert, man hat es vor uns rein gefahren ins Auto um uns dann zu sagen, jetzt sei ja unser Auto kaputt, wir dürften nicht mehr weiter fahren. Also man tut alles mögliche um uns unter Druck zu setzen. Neulich hatten wir sechs Polizisten hier im Studio, die einfach mal wieder unsere Pässe kontrollieren wollten, das ist schon ziemlich Druck, das ist schon ziemlich anstrengend, was wir hier erleben.

Ich frage mich ernsthaft, was da erwartet wurde. Tag der offenen Tür in China, jeder darf dahin fahren wo er will und anprangern?

Das geht doch schon deshalb nicht, weil dann uns Angela mal wieder schön Wetter machen muss. Dann darf sie schon wieder nicht dem Dalai Lama die Hand geben (Ach ja, Tibet … na ja, ist ja schon lange her, fast vergessen.). Denn ohne schönes Wetter haben die Chinesen vielleicht unsere Konzerne nicht mehr so lieb, und wir dürfen dort nicht mehr an der Umweltverschmutzung und Ausbeutung teil haben. Das ist aber jetzt böse. Selbstkritik! Hilfe! Die Chinesen sind doch die Bösen. Wir sind doch die Guten.

Unsere Sportler dürfen doch den Chinesen endlich mal zeigen, wer die ganzen Sportleibchen und -schühchen, die dort produziert werden, am Ende trägt. Von daher ist Peking als Olympiastadt schon gut gewählt. Jedenfalls noch, denn Adidas erwägt, wegen zu hoher Löhne seine Schlappen lieber vermehrt in Laos, Vietnam, Kambodscha und in Indien zusammen schustern zu lassen.

Warum nicht hier? Ganz einfach:

Ein Adidas-Schuh „made in Germany“ würde im Sportgeschäft nach seinen Berechnungen etwa 500 Euro kosten.

500 Öcken für ein paar hier gefertigte Treter? Sind wir hier größenwahnsinnig bei der Lohnforderung oder höre ich da ein leises „Ausbeuter“? Begründet wird dieser Preis jedenfalls nicht, klingt aber doch so schön hoch.

Liebe Reporter, wenn ihr dann doch noch irgendwo Wanderarbeiter trefft, sagt auch noch schön Danke für meinen iPod, der würde sonst bestimmt eine Million kosten. Seit auch kritisch, prangert dies und das an. Aber bitte nicht vergessen: „wir“ haben da die Finger dicke mit drin im bösen Spiel.

Ein Kommentar zu “Extreme Anprangering”

  1. Markus meint:

    Diese olympischen Spiele und die entsprechende Berichterstattung im Vorfeld (und auch während der Spiele) sind eine Farce. Zumindest für die politische Berichterstattung gilt: dabei sein ist gar nix.

    Mit Ihrem zynischen Beitrag treffen Sie meiner Meinung nach genau den richtigen Ton, Herr Quintus. Danke. Gerade mit Freude gelesen.