Still

13. März 2008 - 22:53 Uhr

Die letzten Tage waren nicht dazu angetan, fröhlich vor sich hin zu bloggen. Ich weiß, es ist ein schwieriges Thema, mit dem ich mich auseinandersetzen musste: Krankheit und Sterben. Und es ist auch schwierig darüber zu schreiben, aber auch es zu lassen. Mein Onkel ist heute im Alter von 69 Jahren gestorben. Es ging alles recht schnell. Letzte Woche um diese Zeit hatte ich noch keine Ahnung über die dramatischen Änderungen, die sich seit Montag einstellten. Lebensbedrohliche Herzrhythmus-Störungen, Koma, Tod.

Als ich am Montag meine Mutter nach der Nachricht über die dramatische Verschlechterung ins Krankenhaus begleitete, sagte uns der diensthabende Arzt unter anderem, mein Onkel hätte ein großes Herz. Er meinte das eher in einem pathologischen Sinn. Aber es ist auch so zu verstehen, wie es der Volksmund meint. Mir fallen vor allem Zeiten ein, in denen er manchen pubertären Konflikten mit meinen Eltern die Schärfe nahm. Er hatte als junger Mann die eigenen Karriereziele hinten angestellt, als es darum ging, der Familie ein Einkommen zu sichern, als mein Opa krankheitsbedingt früh in eine knappe Rente ging. Alles ohne große Worte. Es ist eine eher stille Größe, die sich nur im kleinen Kreis erschließt.

Es ist auch eine seltsame Erfahrung, zum ersten Mal nicht nur in der „Zuschauerrolle“ zu sein, sondern sich auch mit um die ganzen Dinge mit zu kümmern, die der Tod eines nahen Verwandten nach sich zieht.

Natürlich kommen auch Gedanken an die eigene Endlichkeit hoch. Komischerweise kommen da bisher nur zwei Gedanken. Der eine Gedanke beschäftigt sich mit dem „wann“. Da gibt es eine sehr schöne Antwort im Buch Hiob: „Und Hiob starb alt und lebenssatt.“ „Lebenssatt“ ist ein so schönes Wort. Da schwingt so etwas zufriedenes mit. Es war lecker, es war reichlich, man wischt sich den Mund ab, dankt und geht.

Das andere betrifft ein Ritual, das mir persönlich nicht gefällt. Da steht immer so ein Topf mit Erde neben dem Grab und wahlweise wird man als Verstorbener mit einer Schaufel Erde oder Blümchen bedacht, die einem nachgeworfen werden. Alle Tradition in Ehren, aber ich hätte lieber eine große Schale, am liebsten aus Kupfer neben meinem Grab stehen, gefüllt mit blauen Murmeln. Und jeder der dahinkommt, sollte sich daraus bedienen und damit ein kleines Stückchen Verantwortung für diese kleine blaue Murmel übernehmen, die durch das All drudelt und sich nur bedingt verbessert hat, seit unsere Vorfahren vom Baum gestiegen sind und den aufrechten Gang erlernt haben. Darüber könnte ich mich darüberschwebend erfreuen – wenn es denn möglich ist.

6 Kommentare zu “Still”

  1. Lars meint:

    Quintus, es tut mir wirklich sowas zu lesen. meine Gedanken sind mit Dir. Dass mit die blaue Murmeln ist ’ne schöner Idee.


  2. Lars meint:

    Leid.


  3. Markus meint:

    Mein Beileid. Es ist immer schlimm einen nahen Verwandten und/oder lieben Menschen zu verlieren.


  4. Pathologe meint:

    Meine Gedanken sind bei Dir.

    Eine Woche ist wirklich schnell. Aber wie sieht es aus, wenn es ein Jahr lang bekannt ist? Man verdrängt, aber man leidet länger.

    Und das mit den Murmeln finde ich eine ausgezeichnete Idee. Besser jedenfalls als, wie es meine Mutter ausdrückte, „mit Dreck nach jemandem werfen, den man gemocht hat“.


  5. r|ob meint:

    Eine wunderbare Idee mit der blauen Murmel.

    Auch mein Beileid.


  6. Jekylla meint:

    Mein aufrichtiges Mitgefuehl, lieber Herr Quintus. Das hat mich aus persoenlichen Gruenden tief beruehrt und das mit den blauen Murmeln ist eine wunderschoene Idee.