Türchen 24: Ein Bärenleben – Epilog

24. Dezember 2007 - 0:00 Uhr

„Entschuldigen sie …“ – „… dass ich sie für eine verschrobene alte Frau gehalten habe, die hier in Paris mit einem Teddybären an ihrer Seite einen Kaffee trinkt.“ Vervollständigte Frau Hansen meinen Satz mit einem Lachen. Es schien mir wirklich ein wenig sonderbar, als sich diese ältere Dame an meinen Tisch setzte und diesem übertagten Stofftier einen eigenen Platz einräumte. Jetzt, da sie ihre Geschichte erzählt hatte, erschien es mir als das Normalste der Welt.

„Morgen werde ich wieder zu hause sein und Weihnachten mit meinen Kindern und Enkeln verbringen – und sie?“ Es fiel mir schwer zu antworten. „Zu hause – nein, ich werde nicht zu hause sein.“ Ich fühlte mich unwohl. Mir schien es als könnte Frau Hansen sehen, dass ich eher geflüchtet war, als freiwillig meine Zeit in Paris zu verbringen. „Ich habe mich vor einigen Monaten von meiner Lebenspartnerin getrennt.“ „Lebenspartnerin – ihr jungen Leute habt so lustige Worte. Warum wollt ihr eigentlich nie das Kind beim Namen nennen?“ Frau Hansens Stimme war weich aber doch sehr bestimmt. Sie hatte recht. „Es schmerzt halt zu sehr zu sagen ‚Ich habe mich von meiner großen Liebe getrennt.‘ Eigentlich würde ich …“ Frau Hansen legte den Zeigefinger an den Mund. „Lassen sie bitte das ‚eigentlich‘ und das ‚würde‘ weg. Sie müssen mir jetzt auch nicht alles erzählen. Bitte, wir kennen uns doch kaum. Außerdem muss ich jetzt auch gehen, es wird Zeit. Frau Hansen stand auf, verabschiedete sich und ging. „Sie haben Zottel vergessen!“ rief ich ihr nach. „Vergessen? – Junger Mann, so alt bin ich dann doch nicht. Ich glaube, es wird Zeit, dass Zottel ein neues zu hause findet.“ Ihr Blick hatte etwas schelmisches. „Meine Reisen gehen zu Ende. Was ich sehen wollte, habe ich gesehen und jetzt freue ich mich auf einen beschaulichen Lebensabend. Bitte, nehmen sie ihn, er hört sehr gut zu.“

Was mag das für ein Bild gewesen sein, als ich am frühen Abend ohne Ziel durch Paris ging. Ein erwachsener Mann mit einem sichtlich abgegriffenen Teddybären an der Hand. Die meisten Menschen rannten ohnehin an mir vorbei und nahmen mich wie alle anderen gar nicht wahr. Und wenn mich doch ein unverständiger Blick traf, war es doch nur eine kurze Randnotiz, die in wenigen Augenblicken wieder vergessen war. Es ist ein seltsames Gefühl, sich in einem Gewühl von Menschen alleine zu fühlen. Ich zog mich in mein Hotelzimmer zurück.

Zottel saß mir gegenüber und schwieg. Er konnte den Menschen nicht ersetzen, den ich mir jetzt so sehnlich an diese Stelle gewünscht hätte. All die vernünftigen Argumente, die ich mir immer wieder vorgebetet hatte, fielen wie ein Kartenhaus in sich zusammen und gaben den Blick frei, auf das, was mir wirklich wichtig war. „Was soll ich tun?“ Nun redete ich schon mit einem Plüschtier. Dabei war die Antwort doch klar, sie kostete nur ein wenig Überwindung. Es tat gut, diese vertraute Stimme am Telefon zu hören, in der ebenfalls Traurigkeit mit schwang und keine Ablehnung, wie ich es befürchtet hatte. Wir redeten eine ganze Weile und ich spürte Wärme und Nähe. „Ich möchte dich gerne wiedersehen. — Morgen? Ja, natürlich, das wird schon irgendwie gehen.“ Ich packte sofort meine Sachen. Hier konnte mich nichts mehr halten. Zottel betrachtete mein aufgeregtes Treiben mit stoischer Ruhe. Strahlend nahm ich ihn auf und sagte: „Komm, wir fahren nach Hause!“

Kommentare sind geschlossen.