Türchen 22: Ein Bärenleben – Teil 10

22. Dezember 2007 - 0:00 Uhr

„Ja, mein lieber Zottel, jetzt sind wir beide alleine.“ Frau Hansen strich Zottel durch sein struppiges Fell, setzte sich auf Jans Bett und seufzte. Julia wohnte schon einige Jahre mit ihrem Freund zusammen und jetzt war auch Jan aufgebrochen um in München zu studieren.

München – so weit weg. Sicher, es waren gerade mal drei Stunden Zugfahrt, aber für Frau Hansen schien dies eine unendliche Entfernung. Mit etwas Mühe konnte sie sich an ihren letzten Urlaub erinnern, damals frisch verliebt mit Hans in Spanien. Sicher, Julia war ein Wunschkind, aber sie hatte es auch ein wenig eilig, in das junge Glück einzutreten. Da standen die erträumten Reisen schnell hinten an und der Traum wurde durch diesen Unfall jäh zerstört. Aber ihre Kinder wurden trotz aller Widrigkeiten groß und flügge, und nun hatte auch Jan das Nest verlassen. Ja, die beiden drängten immer wieder, dass sie doch nun endlich ihre Träume verwirklichen sollte. Frau Hansen winkte aber immer ab, dass sie nicht alleine reisen möchte. Sie setzte Zottel wieder an seinen Platz.

Zottel hatte tatsächlich durch alle Jahre seinen festen Platz in Jans Leben gefunden. Natürlich gab es Zeiten, in denen er ihn verschämt im Schrank versteckt hatte, wenn Freunde zu Besuch kamen. Aber später fand er seinen Ehrenplatz im Regal, auch wenn er nicht mehr der erste Ansprechpartner war sondern eher junge Damen. Aber die Reise nach München hatte er nicht antreten dürfen.

„Es geht alles viel zu schnell vorbei und bald wünschen sie sich diese schöne Zeit wieder zurück.“ Sie erinnerte sich an die Worte, die sie vor langen Jahren, damals in einer Straßenbahn hörte, als die Welt noch in Ordnung war. Ja, damals war alles voller Hoffnung und großen Plänen. Wie viel hatte sie erreicht? Was musste sie lassen?

Frau Hansen gab sich einen Ruck. Es war noch viel zu tun einen Tag vor Heiligabend. Und morgen würde die kleine Familie für einen Tag wieder zusammen sein. Sogar noch mehr, denn Julias Freund und Jans Freundin würden auch dabei sein. Eines musste Frau Hansen jedoch nicht vorbereiten: Jan und Julias Freund würden den Weihnachtsbaum in diesem Jahr schmücken.

Die drei Frauen hatten eine vergnügliche Zeit, während der Baum geschmückt wurde. Neben schönen Gesprächen ließen sie es sich nicht nehmen, ab und an mit gespieltem kindlichen Quengeln zu fragen, wann es denn endlich soweit sei. Jan und Florian antworteten in überzogen väterlichem Ton und mahnten zur Geduld.

Als Jan mit der Glocke läutete, führten Julia und Christine Frau Hansen ins Wohnzimmer. Die jungen Männer hatten ihre Arbeit gut getan. Einen solch festlichen Baum hatte Frau Hansen schon lange nicht mehr gesehen. Nach einigen Jahren mit elektrischer Beleuchtung trug dieser Baum echte Kerzen und er war so groß und schön, wie Frau Hansen ihn aus den Kindertagen von Jan und Julia kannte. Und auch ein anderer alter Bekannter war dabei: Zottel. Wie vor vielen Jahren saß er auf einem kleinen Stapel mit Geschenken mit einer roten Schleife um den Hals. Nur diesmal hatte er einen Briefumschlag zwischen den Tatzen. Was Frau Hansen ebenfalls auffiel war, dass ihre Geschenke auf die restlichen Gruppen verteilt waren. „Heute darfst Du als erste Deine Geschenke auspacken!“ Jan führte seine Mutter sanft und entschlossen zu dem kleinen, struppigen Bären. Sie betrachtete den Umschlag, auf dem stand

„Zeig mir die Welt!“

Sie öffnete und darin waren ein Flugticket, Reiseunterlagen und Bilder vom Yellowstone Nationalpark. Wie oft sie davon geschwärmt hatte, konnte sie nicht sagen. Frau Hansen fehlten die Worte. Jan gab ihr einige seiner und sagte: „Jetzt hast Du ja einen Begleiter, also los, lebe jetzt auch einmal für dich.“

Es war der Anfang einer Reise, die einen alten Teddybären dazu brachten, fast alle Kontinente dieser Erde zu berühren. Die Antarktis war Frau Hansen definitiv zu kalt.

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