Das Heer der Scheinheiligen

25. Mai 2007 - 12:04 Uhr

Ach, wie sind wir die ganze Zeit betrogen worden. Die bösen Buben auf zwei Rädern haben uns die ganze Zeit über angelogen. Da vergisst sogar Wolle Schäuble einen Tag uns vor bösen Terroristen zu schützen und vehement für strengere Anti-Doping-Gesetze einzutreten. Ändert das wirklich etwas?

Die Medien überschlagen sich vor Empörung, was zunächst mal eines bringt: Auflage, Quote, Geld. Da fordert Hajo Seppelt Jan Ullrich auf, endlich mit der „Doppelmoral und Heuchelei“ aufzuhören. Und endet in Selbstkritik:

Ich weiß nicht, ob wir es als Berichterstatter in den Medien künftig wirklich schaffen werden, die nötige Distanz zu wahren und genügend Kraft aufzubringen, nachhaltig zu recherchieren, auch dann, wenn wir uns damit keine Freunde machen. Aber zumindest wäre heute der richtige Tag des Neuanfangs nicht nur im Radsport, auch für uns Sportjournalisten.

Ich dachte ein „nachhaltiges Recherchieren“ sei ohnehin die Aufgabe eines Journalisten.

Dürfen wir uns jetzt auf eine Enthüllungswelle in den Medien freuen? Kommen jetzt Schlagzeilen „Bild enthüllt: Ja, wir haben nur die halbe Wahrheit geschrieben“, sehen wir dann in Tränen aufgelöste Journalisten, die gestehen, dass sie unter dem Druck der Schlagzeile die Realität verbogen haben? Ich habe meine Zweifel.

Ich kann mich noch recht gut an Interviews mit Jan Ullrich am Anfang seiner Karriere erinnern. Er hat immer versucht, den Erwartungsdruck zu mindern und appeliert „lasst mich doch einfach Radfahren“. Irgendwie schien er ein wenig zu schüchtern und bescheiden für dieses Geschäft. Er wollte nie das große Vorbild sein, das man jetzt von ihm fordert. Aber in den Medien wurde er nach seinem sensationellen zweiten Platz 1996 schon vorweg der kommende Tour-Sieger und 1997 auf Jahre hinweg als unschlagbar erklärt. Es ist schon ein wenig unfair einen Menschen zu verurteilen, weil er einem Druck nachgibt, den andere aufgebaut haben.

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