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Eine lange Geschichte kurz erzählt

21. März 2011 - 14:33 Uhr

Das, was mich von Politikern unterscheidet und mich daher für einen solchen Job wohl disqualifiziert, ist ein gutes Gedächtnis. Ich kann mich noch sehr gut an Schultage erinnern, an denen mit uneinsichtigen Lehrern diskutiert wurde, ob denn nun ungebleichtes Recyclingpapier die Substanz sein darf, auf der Klassenarbeiten geschrieben werden durften, oder ob ein „Atomkraft? Nein Danke!“ Button – im Schulgebäude getragen – verbotene politische Werbung ist. Ich kann mich noch sehr gut an vollständig einsichtsbefreite Physiklehrer erinnern, für die eben Atomkraft eine alternativlose Technik war.

Dann kam Tschernobyl. Aber auch hier blieb der Lernerfolg sichtlich aus, denn – so wurde uns erzählt – war der Hauptgrund doch Schlamperei in einem maroden Kraftwerk. Schuld war also ein im Niedergang befindlicher Kommunismus aber nicht die Technik als solche.

Konfrontiert mit den Vorgängen in Japan bleibt mir derzeit nur die schwankende Hoffnung, dass es dort nicht zum Äußersten kommt. Ich möchte, dass dieser Kelch an den Menschen dort vorbeigeht. Da ist kein Platz für ein irgend geartetes triumphales Gefühl des recht gehabt habens, nur tiefes Bedauern und Anteilnahme.

Ich würde es begrüßen, wenn es bei der derzeitigen Regierung ob der Ereignisse zu einer Spontanläuterung käme. Aber alles was ich sehe, sind hektische Aktionen, die in übelster Offensichtlichkeit dazu dienen sollen, mit einem blauen Auge durch die anstehenden Wahlen zu kommen. Wenn diese Leute sich jetzt auch noch hinstellen und diejenigen beschuldigen, die schon lange einen Ausstieg fordern, auf dem Rücken des Leids der Japaner Wahlkampf zu führen, dann ist das billig, perfide und schändlich.

Ich kann mich in diesen Tagen gar nicht genug fremdschämen.

Sie sind einfach zum knuddeln!

14. September 2009 - 21:51 Uhr

Tja, was soll ich sagen? Selten habe ich so gut geschlafen wie letzte Nacht. Und dieses heimelige Gefühl tiefster Geborgenheit, dass unsere liebe Bundesregierung sich schon so lange um uns sorgt und es auf jeden Fall noch viel, viel besser wird, begleitete mich durch den Tag. Egal ob nun „Tigerente“-Koalition (vielen Dank auch Frau Illner, ich habe es immer schon geahnt, dass an Ihnen eine Grundschulpädagogin verloren gegangen ist) oder – ähm – wie auch immer die SPD eine Mehrheit konstruieren will.

Politik in Pastelltönen, davon können sich andere Länder eine Scheibe abschneiden. Das mit den Moderatoren üben wir aber noch ein wenig. Darf man denn dazwischen plappern, wenn die Großen reden? Ich hoffe, die Vier mussten zur Strafe ohne Betthupferl ins Bett.

Ich halte jede Kritik für unangemessen. Ist doch soooo schön hier. Darauf ein kleines Liedchen.

[Warnhinweis: Dieser Blogeintrag enthält Ironie in hohen Dosen und könnte bei Unterstellung von Ernsthaftigkeit Brechreiz auslösen]

Von Verhüterlis und Tünche

18. März 2009 - 16:06 Uhr

Ich mag mich nicht an der Diskussion über Sinn und Unsinn von Kondomen und der Haltung der katholischen Kirche zu diesem Thema beteiligen. Weniger aus dem Umstand, dass ich dazu keine Meinung hätte, aber mir scheint, als sei dazu schon lange fast alles gesagt. Die Diskussion ermüdet nur noch und wird wohl auf längere Sicht fruchtlos bleiben.

Immerhin auf tagesschau.de gibt es einen kleinen Hinweis, dass der Papstbesuch in Kamerun auch einen anderen Aspekt hat, über den man in der deutschen Presse recht wenig berichtet. In Yaoundé wurde pünktlich zum Papstbesuch ein „Frühjahrsputz“ durchgeführt, bei dem kleine Läden, Barracken und Häuser eingerissen und beseitigt wurden, die dem ästhetischen Empfinden abträglich waren. Da wird sich die Hoffnung des Händlers Francis kaum erfüllen:

„Wenn der Papst sehen würde, in welchen Bedingungen wir leben, würde er viel verstehen“, sagt der Händler Francis. „Er wird viel mehr verstehen, als wenn er sich nur das Theater anschaut, dass die Politiker für ihn veranstalten werden.“

Warum darüber nicht mehr berichtet wird, weiß ich nicht. Schließlich meldete Reuters dies schon ausführlich am 10. März. Plötzlich einsetzende Copy-Paste-Hemmung?

Geht man über Global Voices ein wenig mehr in die Tiefe, ergibt sich ein wesentlich differenzierteres Bild.

Griet, Thorsten, Jara and Lisa in Cameroon entlarven die Aussage von Tonye Bakot, Erzbischof von Jaunde, dass diese Maßnahmen in keinem Zusammenhang mit dem Papstbesuch stehen, sehr schnell und geben einen Einblick, welche negativen Folgen für die Leute in der Stadt entstehen.

As a consequence – or should I say precursor – of this visit, some dramatic measures have been taken.
1 All small shops, houses, vendor’s stalls that don’t look nice enough are being destroyed with a large caterpillar. The truck comes by, looks at your stall/house/whatever and if the driver doesn’t like, he just destroys it with all its content. It all started about a week ago in the city centre. Suddenly the streets did not house streetvendors anymore, all the local shops at the post office disappeared etc. Now it’s been extended all the way to the airport.
2 The road to the airport has brand new streetlights. But then ONLY the way from the airport to the town centre.
3 Tuesday (for sure, other days to be confirmed) the road between airport and town centre will be blocked. Note: the pope arrives in the evening, but the road needs to be blocked from EARLY MORNING. Hence nobody can get to/from work, school etc.
4 It has been announced on the radio that all shops and houses on the road to the airport etc need to keep all windows and doors closed on Tuesday – police will patrol to make sure orders are followed.
5 As a result of all this, tension has risen in town centre among street vendors and shop owners and riots cannot be ruled out… Keep indoors I would say.
6 As said before, the Pope will do a mass on Thursday in the Stadium. It’s open for the public but tickets are 1000 FCFA (almost 2 Euro) and people will have to walk kilometers to get there as the roads will be blocked, obviously.

Eine sehr heftige Diskussion wird auch bei „Our Man in Cameroon geführt“. Ein Spannungspunkt dabei ist, dass die Gebäude rein rechtlich betrachtet illegal errichtet wurden, auf der anderen Seite aber die einzige Lebensgrundlage für die betroffenen Menschen waren. Daran entzündet sich eine Diskussion, ob Hilfsorganisationen religöser oder weltlicher Prägung „besser“ sind.

Mir scheint, dieses Vorgehen und die Situation vor Ort böten genügend Grundlagen für eine fruchtbare Diskussion, wenn man sie denn führen wollte.

In dem Diskurs bei Our Man in Cameroon wird auch auf eine Studie der OECD zum Stand der Entwicklungshilfe verwiesen. Die referenzierte Studie ist von 2004 und liegt mittlerweile auf dem Stand 2007 vor. Im Überblick wird bereits die Brisanz durch die derzeitige Wirtschaftslage deutlich:

Aid continued to increase in 2007, once exceptional debt relief is excluded from the figures. But the increase was only 2% on 2006. This is much too slow if donors are to meet their commitments to increase aid by 2010. In particular, most G8 countries will need to rapidly expand their aid if they are to meet the commitments they undertook at the Gleneagles summit in 2005.
The current financial crisis will increase pressure on donor aid budgets. But to avoid further harming the countries that have already suffered most from soaring food and oil prices, the OECD is urging governments to take an Aid Pledge to stick by their existing aid commitments.

Ein Chart daraus verdeutlicht dies recht gut:

Die Graphen zeigen den Verlauf der geleisteten Entwicklungshilfe bis 2007 zum einen in prozentualem Bezug zum Bruttonationaleinkommen (blau, linke Achse) wie auch in der Gesamthöhe (magenta, rechte Achse in Milliarden Dollar) und den Anteil für Afrika (grün, rechte Achse). Der zunächst optimistisch anmutende Knick nach oben in 2005 und 2006 ist der Entschuldung des Iraks und Nigerias zu verdanken. Darüber hinaus wird bis zum Jahr 2010 extrapoliert auf den Wert, zu dem sich die DAC Mitgliedsstaaten verpflichtet haben. Da muss sich noch einiges bewegen und das in einer ausgesprochen ungünstigen Zeit.

Vielleicht auch mal nachdenken

4. August 2008 - 15:05 Uhr

Herr Gabriel aus B. möchte anscheinend auch seinen Beitrag zur Befüllung des Sommerlochs leisten. Durch innovative Möglichkeiten der Neuregelung der Pendlerpauschale kann er es sich nicht sparen auch mal moralisierend den Finger zu heben um damit eine Deckelung der Entfernung zu untermauern.

„Unsere Eltern sind auch irgendwann der Arbeit nachgezogen und haben vom Staat nicht verlangt, dass er eine tägliche Heimfahrt von mehr als 200 Kilometern subventioniert.“

Warum muss ich dabei direkt an Koksheizungen und dicke Pullis denken?

Vordergründig spricht doch auch ökologisch gedacht einiges für kurze Arbeitswege. Und ich bezweifle, dass die Mehrzahl gern solche Strecken hin und her schaukelt.

Es könnte unter Umständen sein, dass diese zitierte Elterngeneration im Zuge der Existenzgründung einen Ortswechsel vollzogen hat. Es macht auch einen erheblichen Unterschied, ob gerade von Herrn Gabriels Partei im Zuge des „Fördern und Forderns“ örtliche Flexibilität einfach vorausgesetzt und hoch gehalten wird. Das betrifft doch nicht nur junge Menschen, die sich leicht „verpflanzen“ lassen, sondern auch Familien, die bereits sozial verwurzelt sind. Das fordert doch auch die Sicherheit, über Jahre an diesem Ort arbeiten zu können, um den Schritt des Umzugs zu gehen. Ist diese Voraussetzung denn so gegeben?

Wenn wir hier nochmal Wirtschaftswunderland haben, dann passen solche Vergleiche vielleicht. Bis dahin sind es Äpfel und Birnen.

Kein Grund zur Sorge

4. August 2008 - 13:02 Uhr

Wenn der Verbraucherpreisindex bei 3,3 % im Juni steht, dann sorgt das irgendwie so gar nicht für ein wohliges Bauchgefühl. Aber das ist ja nur der Teil des Eisbergs, der aus dem Wasser ragt. Schaut man sich die Gesamtstatistik des Statistischen Bundesamtes an, kann einem schon ein wenig bange werden, auch ohne Ökonom oder Prophet zu sein.

preise.jpg

Die Erzeuger- und Einfuhrpreise zeigen dort schon ein ausgesprochen unbehagliches Bild. Immerhin 6,7 bzw. 8,9 %. Das dies eine direkte Wirkung auf die Großhandelspreise haben muss, ist verständlich und dieser Index liegt dann auch bei satten 8,9 %. Es ist kaum vorstellbar, dass dies sich nicht auch auf Einzelhandel-, Ausfuhr- und Verbraucherpreise auswirkt. Zum Teil wohl verzögert und auch durch andere Faktoren gedämpft. Wie wird diese Dämpfung denn aussehen, wenn diese Preissteigerung nicht 1:1 durchgereicht wird? Wird der Handel dies als Belastung der Marge einfach so als Kröte schlucken oder wird dann die Effizienz gesteigert um den Verlust auszugleichen? Immerhin sind die großen Spieler im Einzelhandel börsennotiert und Aktionäre sind ein undankbares Völkchen. Effizienzsteigerung geht ja meist auch mit Verzicht auf Arbeitsplätze einher.

Wenn Erzeugerpreise schneller ansteigen als die Ausfuhrpreise, mache ich mir auch Gedanken über die Marge des Außenhandels. Exportweltmeistern bringt halt nur dann ein wohliges Gefühl, wenn am Ende auch die Kasse stimmt.

Es ist vielleicht unangebracht in wilde Panik auszubrechen, aber man sollte sich doch schon mal so langsam ein mentales Lesezeichen setzen, dass Frau Merkel derzeit noch keinen Grund zur Veranlassung sieht.

Extreme Anprangering

30. Juli 2008 - 14:28 Uhr

Ich mag ja Betroffenheitsjournalismus. Es macht einfach Spaß zuzusehen, wie das ZDF über die Einschränkung der Pressefreiheit in Peking berichtet. Die Beklommenheit ist nahezu greifbar, wenn Johannes Hano berichtet:

Wir haben immer noch Probleme. Neulich erst ist ein Team von uns herausgefahren aus der Stadt, wollte zu einem Wanderarbeiterdorf, da hat uns die Polizei mit einem Auto einfach touchiert, man hat es vor uns rein gefahren ins Auto um uns dann zu sagen, jetzt sei ja unser Auto kaputt, wir dürften nicht mehr weiter fahren. Also man tut alles mögliche um uns unter Druck zu setzen. Neulich hatten wir sechs Polizisten hier im Studio, die einfach mal wieder unsere Pässe kontrollieren wollten, das ist schon ziemlich Druck, das ist schon ziemlich anstrengend, was wir hier erleben.

Ich frage mich ernsthaft, was da erwartet wurde. Tag der offenen Tür in China, jeder darf dahin fahren wo er will und anprangern?

Das geht doch schon deshalb nicht, weil dann uns Angela mal wieder schön Wetter machen muss. Dann darf sie schon wieder nicht dem Dalai Lama die Hand geben (Ach ja, Tibet … na ja, ist ja schon lange her, fast vergessen.). Denn ohne schönes Wetter haben die Chinesen vielleicht unsere Konzerne nicht mehr so lieb, und wir dürfen dort nicht mehr an der Umweltverschmutzung und Ausbeutung teil haben. Das ist aber jetzt böse. Selbstkritik! Hilfe! Die Chinesen sind doch die Bösen. Wir sind doch die Guten.

Unsere Sportler dürfen doch den Chinesen endlich mal zeigen, wer die ganzen Sportleibchen und -schühchen, die dort produziert werden, am Ende trägt. Von daher ist Peking als Olympiastadt schon gut gewählt. Jedenfalls noch, denn Adidas erwägt, wegen zu hoher Löhne seine Schlappen lieber vermehrt in Laos, Vietnam, Kambodscha und in Indien zusammen schustern zu lassen.

Warum nicht hier? Ganz einfach:

Ein Adidas-Schuh „made in Germany“ würde im Sportgeschäft nach seinen Berechnungen etwa 500 Euro kosten.

500 Öcken für ein paar hier gefertigte Treter? Sind wir hier größenwahnsinnig bei der Lohnforderung oder höre ich da ein leises „Ausbeuter“? Begründet wird dieser Preis jedenfalls nicht, klingt aber doch so schön hoch.

Liebe Reporter, wenn ihr dann doch noch irgendwo Wanderarbeiter trefft, sagt auch noch schön Danke für meinen iPod, der würde sonst bestimmt eine Million kosten. Seit auch kritisch, prangert dies und das an. Aber bitte nicht vergessen: „wir“ haben da die Finger dicke mit drin im bösen Spiel.

Yippie!

29. Juli 2008 - 12:50 Uhr

Es geht doch nichts darüber, in einem Bundesland zu leben, dass ganz weit vorne liegen will. Jedenfalls im Bereich Online-Durchsuchung. So viel Innovation im Sommerloch. Wofür und wieso weshalb weiß man (oder sagt man) noch nicht so genau, aber Hauptsache Fakten schaffen.

Ich wage mal die Prognose, dass da in Karlsruhe mal wieder Sonderschichten fällig sind.

Irgendwie fühle ich mich an die Selbstbeweihräucherungskampagne „Wir fangen schon mal an – Das Saarland“ erinnert. Im Kopf kann man sich den Nachsatz „Noodenke dun mir spääder“ ergänzen.