Waldwächter
20. Dezember 2007 - 12:28 Uhr

Frau Hansen standen Tränen in den Augen.
Zum ersten mal in ihrem Leben schmückte sie einen Weihnachtsbaum. Als Kind und in ihrer Jugend war dies stets die Aufgabe ihres Vaters und seit sie mit Hans gemeinsam wohnte, übernahm er gerne diese Rolle. Es hatte sich so viel geändert in diesem Jahr. Es war so ungerecht. Warum Hans?
Seit Monaten wiederholte sich das Erlebnis immer wieder vor ihrem inneren Auge, als an diesem Frühlingsabend ein Polizist in Begleitung des Gemeindepfarrers vor ihrer Tür standen. Was sie zu sagen hatten war so grausam und erwartbar, dass ihre Beine nachgaben. Es war ein Unfall. Warum Hans aus der Kurve getragen wurde, konnte ihr niemand sagen. So viele Hoffnungen starben auch an diesem Tag. Sie konnte noch nicht einmal Abschied nehmen. Die Streitgespräche, die ihr jetzt so fern und unbedeutend schienen, durfte sie ihm nicht vergeben.
Sie sorgte sich auch um ihre Kinder. Wie sollten sie es verwinden, dass ihr Vater nicht mehr da ist? Julia ließ ihrer Trauer freien Lauf und weinte häufig. Jan wurde sehr still. Er redete häufig mit seinem Teddybären und Frau Hansen wusste nicht, ob dies gut für ihn war.
Es wollte ihr einfach nicht gelingen, diesem Tag wenigstens ein klein wenig Normalität abzuringen um ein wenig Kraft zu schöpfen. Nach der Bescherung konnte Frau Hansen nicht mehr gegen ihre Gefühle ankämpfen und fing an zu weinen.
Julia nahm ihre Mutter in den Arm und Jan schaute ihr fest in die Augen und sagte: „Wir schaffen das, du hast ja uns.“
Da stand dieser kleine Kerl mit seinem Teddybären an der Hand vor ihr und strahlte plötzlich die Zuversicht aus, die sie an ihrem Mann immer so geliebt hatte. Ihr wurde zum ersten Mal bewusst, wie sehr ihr Mann in ihren Kindern weiterlebt.
„Ja, wir schaffen das.“ wiederholte Frau Hansen. Sie wusste nicht, wem sie dieses Versprechen gab; ihren Kindern, sich selbst oder Hans.
Es gibt so wunderweiße Nächte,
Drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert manchen Stern so lind,
Als ob er fromme Hirten brächte
Zu einem neuem Jesuskind.
Weit wie mit dichtem Diamantenstaube
Bestreut, erscheinen Flur und Flut,
Und in die Herzen, traumgemut,
Steigt ein kapellenloser Glaube,
Der leise seine Wunder tut.
… ab und an nichts Gutes.
Seit einigen Tagen kommt auf leisen Sohlen ein übler Gast in meine Statistik. Er gibt sich als verweisende Seite
http://tvsetmp3.com
zu erkennen. Welches dumme Progrämmchen mag sich dahinter verbergen? Für wie dumm hält mich jener? Denkt er, er könnte mich foppen – oder andere? Nee, seine doofe Software bleibt außen vor – dummer Versuch.
Von Zippo bekam ich den Tipp, dass es “Türchen 15″ auch in vertonter Form gibt.
“Der Weihnachtsabend eines Kellners”
Text: Erich Kästner
Musik: Zippo Zimmermann
Hier geht es direkt zum mp3-File
Wer mehr hören und sehen mag (und dies lohnt sich :-)) kann gerne bei Savoy Truffle stöbern. Guddie Mussig aus Saarbrigge!
Edit: Gerade von Zippo nachgereicht der Link Erich K.
Und mein herzallerallerliebstes Erich Kästner Zitat:
Was auch geschieht:
Nie dürft Ihr so tief sinken,
von dem Kakao, durch den man euch zieht,
auch noch zu trinken!
Edit Edit: Darf ich erwähnen, dass Erich Kästner mein Geburtstagszwilling (exklusive Geburtsjahr) ist :-) ?
Endlich, nach für Jan und Julia unermesslicher Zeit war es Heiligabend. Auch Frau Hansen konnte den Tag genießen, hatte sich doch ihre Sorge so wunderbar aufgelöst. Wie in jedem Jahr gab es immer wieder geschickte Ablenkungsmanöver der Eltern, um die Vorbereitungen für den Abend zu treffen. Herr und Frau Hansen tauschten konspirative Blicke aus und konnten sich kaum ein Lachen verkneifen. Am Nachmittag machten sich Jan, Julia und Frau Hansen für den Kirchgang bereit. Herr Hansen blieb zu hause. Auf einer Seite wäre er gerne mit seiner Familie in den Gottesdienst gegangen, war dies doch immer sehr festlich und schön. Aber andererseits genoss er die zwei Stunden alleine, in der er das Wohnzimmer verwandelte. „Irgend jemand muss dem Christkind doch helfen.“ Er war jedes mal ein wenig überrascht, dass dies noch nicht einmal im Ansatz hinterfragt wurde.
Herr Hansen schaute seiner Familie nach und kaum waren sie um die Ecke gebogen, wuchtete er den Weihnachtsbaum aus dem Keller ins Wohnzimmer. Während er den Baum schmückte, summte er Weihnachtslieder vor sich hin und schweifte ab und an zu Erinnerungen hin, als er selbst noch ein Kind war und fasziniert vor dem erleuchteten Baum stand. In den letzten Jahren hatte er gelernt, warum sein Vater dann so seltsam vor sich hin geschmunzelt hatte. Dieses Jahr war er besonders stolz auf sein Werk, denn der Baum war sehr gut gewachsen und konnte einige Kerzen mehr tragen als üblich. Am Ende arrangierte er die Geschenke. Frau Hansen hatte Jans Bären nicht in Geschenkpapier gepackt sondern ihm nur eine große, rote Schleife umgebunden. Herr Hansen setzte ihn auf Jans Geschenke und so thronte er der Bescherung entgegen.
Als die Eltern die Kerzen anzündeten, war schwer zu sagen wo die Vorfreude größer war, bei den Kindern oder bei den Eltern, die sich freuten, ein kleines Wunder geschaffen zu haben. Vor allem Jan stand mit großen Augen und roten Wangen da und sein Blick wanderte vom Baum zu seinen Eltern und immer wieder zu dem Bären, der so gleichmütig und still auf seinem kleinen Berg wartete. Endlich durften die beiden los. Jan ging zielstrebig auf seinen Bären los und drückte ihn an sich. „Ab heute heißt Du Zottel.“ flüsterte er ihm ins Plüschohr. Während Julia freudig ein Geschenk nach dem anderen auspackte, saß Jan einfach da und betrachtete selig seinen Teddy. „Willst Du nicht Deine anderen Geschenke öffnen?“ fragte ihn Frau Hansen nach einer Weile. Jan schaute seinen Mutter verwundert an. „Welche anderen Geschenke? Ich wollte doch nur diesen Bären.“
Frau Hansen standen Tränen in den Augen.
Jedesmal wenn Weihnachten kommt, muß ich an Herrn Sörensen denken. Er war der erste Mensch in meinem Leben, der ein einsames Weihnachtsfest feierte, und das habe ich nie vergessen können.
Herr Sörensen war mein Lehrer in der ersten Klasse. Er war gut. Im Winter bröselte er sein ganzes Frühstücksbrot für die hungrigen Spatzen vor dem Fenster zusammen. Und wenn im Sommer die Schwalben ihre Nester unter den Dachvorsprung klebten, zeigte er uns die Vögel, wie sie mit hellen Schreien hin und her flogen. Aber seine Augen blieben immer betrübt.
Im Städtchen sagten sie, Herr Sörensen sei ein wohlhabender Mann. “Nicht wahr, Herr Sörensen hat Geld?” fragte ich einmal meine Mutter. “Ja, man sagt’s.” – “Ja … ich hab’ ihn einmal weinen sehen, in der Pause, als ich mein Butterbrot holen wollte …”
“Herr Sörensen ist vielleicht so betrübt, weil er so allein ist”, sagte meine Mutter. “Hat er denn keine Geschwister?” fragte ich. “Nein – er ist ganz allein auf der Welt…”
Als dann Weihnachten da war, sandte mich meine Mutter mit Weihnachtsbäckereien zu Herrn Sörensen. Wie gut ich mich daran erinnere. Unser Stubenmädchen ging mit, und wir trugen ein großes Paket, mit rosa Band gebunden, wie die Mutter stets ihre Weihnachtspäckchen schmückte.
Die Treppe von Herrn Sörensen war schneeweiß gefegt. Ich getraute mich kaum einzutreten, so rein war der weiße Boden. Das Stubenmädchen überbrachte die Grüße meiner Mutter. Ich sah mich um. Ein schmaler hoher Spiegel war da, und rings um ihn, in schmalen Rahmen, lauter schwarzgeschnittene Profile, wie ich sie nie vorher gesehen hatte.
Herr Sörensen zog mich ins Zimmer hinein und fragte mich, ob ich mich auf Weihnachten freue. Ich nickte. “Und wo wird Ihr Weihnachtsbaum stehen, Herr Sörensen?” – “Ich? Ich habe keinen, ich bleibe zu Hause.”
Und da schlug mir etwas aufs Herz beim Gedanken an Weihnachten in diesem “Zuhause”. – In dieser Stube mit den schwarzen kleinen Bildern, den schweigenden Büchern und dem alten Sofa, auf dem nie ein Mensch saß – ich fühlte das Trostlose, das Verlassene in dieser einsamen Stube, und ich schlug den Arm vors Gesicht und weinte.
Herr Sörensen zog mich auf seine Knie und drückte sein Gesicht an meines. er sagte leise: “Du bist ein guter, kleiner Bub.” Und ich drückte mich noch fester an ihn und weinte herzzerbrechend.
Als wir heimkamen, erzählte das Stubenmädchen meiner Mutter, ich hätte gebrüllt.
Aber ich schüttelte den Kopf und sagte: “Nein, ich habe nicht gebrüllt. Ich habe geweint. Und weißt du, ich habe deshalb geweint, weil nie jemand zu Herrn Sörensen kommt. Nicht einmal am Heiligen Abend…”
Später, als wir in eine andere Stadt zogen, verschwand Herr Sörensen aus meinem Leben. Ich hörte nie mehr etwas von ihm. Aber an jenem Tag, als ich an seiner Schulter weinte, fühlte ich, ohne es zu verstehen, zum ersten Male, daß es Menschen gibt, die einsam sind. Und daß es besonders schwer ist, allein und einsam zu sein an Weihnachten.