Türchen 20: Ein Bärenleben – Teil 9

20. Dezember 2007 - 0:00 Uhr

Frau Hansen standen Tränen in den Augen.

Zum ersten mal in ihrem Leben schmückte sie einen Weihnachtsbaum. Als Kind und in ihrer Jugend war dies stets die Aufgabe ihres Vaters und seit sie mit Hans gemeinsam wohnte, übernahm er gerne diese Rolle. Es hatte sich so viel geändert in diesem Jahr. Es war so ungerecht. Warum Hans?

Seit Monaten wiederholte sich das Erlebnis immer wieder vor ihrem inneren Auge, als an diesem Frühlingsabend ein Polizist in Begleitung des Gemeindepfarrers vor ihrer Tür standen. Was sie zu sagen hatten war so grausam und erwartbar, dass ihre Beine nachgaben. Es war ein Unfall. Warum Hans aus der Kurve getragen wurde, konnte ihr niemand sagen. So viele Hoffnungen starben auch an diesem Tag. Sie konnte noch nicht einmal Abschied nehmen. Die Streitgespräche, die ihr jetzt so fern und unbedeutend schienen, durfte sie ihm nicht vergeben.

Sie sorgte sich auch um ihre Kinder. Wie sollten sie es verwinden, dass ihr Vater nicht mehr da ist? Julia ließ ihrer Trauer freien Lauf und weinte häufig. Jan wurde sehr still. Er redete häufig mit seinem Teddybären und Frau Hansen wusste nicht, ob dies gut für ihn war.

Es wollte ihr einfach nicht gelingen, diesem Tag wenigstens ein klein wenig Normalität abzuringen um ein wenig Kraft zu schöpfen. Nach der Bescherung konnte Frau Hansen nicht mehr gegen ihre Gefühle ankämpfen und fing an zu weinen.

Julia nahm ihre Mutter in den Arm und Jan schaute ihr fest in die Augen und sagte: „Wir schaffen das, du hast ja uns.“

Da stand dieser kleine Kerl mit seinem Teddybären an der Hand vor ihr und strahlte plötzlich die Zuversicht aus, die sie an ihrem Mann immer so geliebt hatte. Ihr wurde zum ersten Mal bewusst, wie sehr ihr Mann in ihren Kindern weiterlebt.

„Ja, wir schaffen das.“ wiederholte Frau Hansen. Sie wusste nicht, wem sie dieses Versprechen gab; ihren Kindern, sich selbst oder Hans.

Schreiben Sie einen Kommentar