Archiv 1. Dezember 2007

Türchen 1: Ein Bärenleben – Teil 1

1. Dezember 2007 - 0:00 Uhr

Wie in den letzten Jahren fuhr Frau Hansen mit ihren Kindern in der Adventszeit in die Stadt, um Geschenkideen zu sammeln und auch selbst den festlichen Glanz der geschmückten Straßen ein wenig zu genießen. Sie betrachte diesen Tag immer mit gemischten Gefühlen. Sie liebte es, wenn ihre Kinder mit großen Augen und offenem Mund durch die weihnachtlich geschmückten Straßen gingen und alles aufnahmen, als hätten sie dies noch nie gesehen. Irgendwo knapp vor dem Vergessen hatte sie dann noch eine Idee davon, wie es war selbst ein Kind zu sein. Auf der anderen Seite passte das Gedränge und Geschiebe einfach nicht in ihr Bild von Weihnachten, das doch mit Ruhe und Freude zu tun haben sollte.

Ohnehin zog sie ihr kleines Dorf dem lauten Treiben und getrieben werden vor. Die Kinder waren aufgeregt und waren wohl für manchen in der Straßenbahn zu laut. Frau Hansen spürte die Blicke derer, die sich in ihrer Hast gestört fühlten, aber die beiden malten sich in sprudelnden Worten den Tag aus und zankten sich in regem Wechsel. Alle Versuche, die beiden zur Ruhe zu bringen, scheiterten kläglich.

„KINDER“ rief plötzlich eine Stimme und Frau Hansen sah in die freundlich lachenden Augen einer älteren Dame, die ihr schon eine ganze Weile gegenüber gesessen haben muss. „Ach ja!“ seufzte Frau Hansen. „Kümmern sie sich doch nicht so sehr um die Leute, genießen sie die Zeit.“ sagte die alte Dame, „Es geht alles viel zu schnell vorbei und bald wünschen sie sich diese schöne Zeit wieder zurück. Glauben sie mir. Ich habe zwei Söhne und eine Tochter. Sie waren so schnell erwachsen. Jetzt, bei meinen Enkelkindern, kann ich mir Ruhe gönnen. Aber ich merke auch, wie sehr mir das bei meinen Kindern gefehlt hat.“

„Wie heißt ihr denn?“ wendete sich die ältere Dame an Frau Hansens Kinder. „Julia!“ „Ein schöner Name. Wie alt bist Du denn?“ „Sechs. Ich geh schon zur Schule.“ „Oh, was magst Du denn am liebsten?“ „Mathe!“ „Und ich bin Jan!“ Jan gab der älteren Dame die Hand und verbeugte sich. „Oh, was ist denn das?“ „Das hab ich im Kindergarten gelernt. Wenn ich groß bin werde ich mal Kavalarier.“ „Das heißt Kavalier!“ sagte Julia und rollte die Augen. „Und das ist kein Beruf.“ „Prinzessin auch nicht. Du wirst sowieso nur Aschenputtel!“ „Zwerg Nase!“ „Aschenputtel!“ „Zwerg …“ – „Kinder, hier müssen wir raus!“ Frau Hansen nahm ihre Kinder bei der Hand und verabschiedete sich von der netten älteren Dame und bahnte sich ihren Weg zum Ausstieg.

Als sich die Tür hinter ihr schloss, kam es ihr vor, als klinge in dem Zischen ein Seufzer der armen gehetzten Seelen mit, die nun wieder in Ruhe den eigenen hektischen Gedanken nachjagen konnten. Nur eine ältere Frau winkte den Dreien nach.