Tour de Farce

21. Juli 2007 - 0:03 Uhr

Tour de Farce - fieses LogoOjeoje, die Betroffenheitsliga ist mal wieder am Werk. Zuerst einmal: Ich bin meinem Vorsatz treu geblieben und habe bisher mit gutem Gewissen den sportlichen Verlauf der Tour auf der Ignore-Liste belassen. Was man von der Blind-und-Blöd Zeitung ja nicht gerade behaupten kann. Aber irgendwie ist es ja ein Akt des fast Unmöglichen dieses Thema vollkommen auszublenden. Ich wiederhole mich auch recht ungern.

Aber noch einmal zur genauen Spezifizierung meiner Kritik: Es geht mir in keiner Weise darum, wer, wann, wo, warum auch immer gedopt hat. Denn dies ist nur eine Folge, nicht die Ursache. Die Ursache ist vielmehr, dass hier im Speziellen aber auch Sport im Allgemeinen von Medien, Veranstaltern und Sponsoren nur noch als Geschäft begriffen wird.


Sorry, aber wenn sich gerade diese Gruppe als Hüter der Werte (Edit: Wie kann man etwas zerstören, was in Scherben liegt?) aufspielt und alle Verantwortung auf die Sportler abschiebt muss ich – mit Verlaub gesagt – mehr kotzen als ich jemals essen kann.

Einfach ein paar Fragen zur Dramaturgie:

  • Wieso kommen Dopingvorwürfe gegen Sinkewitz genau zu einem Zeitpunkt, an dem er sich gerade am wenigsten wehren kann, obwohl die Probe bereits im Juni genommen wurde?
  • Wieso steht Rasmussen gerade dann im Kreuzfeuer, wenn er in Gelb fährt, obwohl dies auch wirklich lange genug bekannt sein dürfte?
  • Wann bekennt sich die Journalisten-Bagage dazu, solche Informationen gesteuert unters Volk zu bringen?
  • Wann hören Sponsoren auf, die Öffentlichkeit zu täuschen “Sie hätten nichts gewusst”?
  • Wo sind die Geständnisse der “Rennstallbesitzer” gewusst, gebilligt oder gar gefordert zu haben?

Wer auch immer am Ende auf dem Treppchen steht, er kann sich sicher sein, dass man ihm einige Schaufeln Dreck nachwirft.

Ich bekenne mich an dieser Stelle gerne als Jan Ullrich Fan. Es hat mich nicht besonders fasziniert, dass er die Tour gewonnen hat und mehrfach auf dem Treppchen stand. Es ist zum einen eine Faszination seiner Technik. Wer einmal versucht hat, einen Berg per Rad hochzukeuchen und dabei in ruhigen, flüssigen Bewegungen zu bleiben, der versteht was ich meine. Zum anderen seine Art, trotz Stürzen oder anderen Unbilden bis zum Ende durch zu fahren, egal ob als Erster, Zweiter oder was auch immer. Solche Eigenschaften sind unabhängig von chemischer Stimulanz.

9 Kommentare zu “Tour de Farce”

  1. Markus meint:

    Ich persönlich hab mit Radsport gar nichts am Hut (außer das ich selbst gerne Rad fahre – und notgedrungen im Saarland auch Berge hochgekeucht bin – hier in Hamburg gibt es ja zum Glück keine Berge mehr.) . Das die Tour jetzt so stark von den neuesten Doping-Verdachten und -Fakten überschattet ist, kümmert mich deshalb eher nur am Rande.

    Aber bei dem, was du zu Jan Ullrich schreibst, kann ich mir vorstellen, dass du doch sicher sehr über sein Doping enttäuscht bist, auch oder gerade weil du seine sportlichen Leistungen und seinen unnachahmlichen Fahrstil so bewunderst. Gerade deshalb muss dich doch auch sein Handeln und seine Haltung zum Doping im Radsport extrem enttäuscht haben, oder?


  2. Quintus meint:

    Ich bin gar nicht so sehr enttäuscht, dass Jan gedopt haben soll. Es ist eher so, dass ich seine Haltung verstehe, auch wenn dies gerade nicht modern ist. Ein “Geständnis im Namen der Fans” wie es die Medien abzupressen versucht haben, hätte nur eines gebracht: Er steht als Buhmann da, während alle anderen munter weiter fahren. Zum Zeitpunkt des Rücktritts waren ja nicht nur Verbandsstrafen sondern auch Klagen anhänglich (unter anderem eine Schadensersatzklage des Teams Telekom, die ihren Ruf als “sauberes Team” geschädigt sah). Und da gibt es nun mal zuerst eine Unschuldsvermutung. Die Klägerseite ist in der Beweispflicht. Es gibt keine Pflicht, sich selbst zu belasten auch wenn die Beweislage noch so erdrückend scheint. Den Versuch dieses Recht durch Mediendruck auszuhebeln finde ich dann doch sehr befremdlich.

    Im Fall Sinkewitz wird es noch absurder: Da wird schon nach der A-Probe vorverurteilt, obwohl erst die B-Probe abgewartet werden muss. Da kann das Ergebnis noch so absehbar sein, erst dann gilt der “Täter” als überführt und muss die Folgen tragen.

    Die Medien gerieren sich immer mehr in einer Richterrolle, die ihnen einfach nicht zusteht.

    Wenn in einem Sport augenscheinlich so viel gedopt wird, kann man sich doch auch mal fragen, ob da wirklich so viel kriminelle Energie bei den Fahrern ist oder ob da nicht vielleicht der Erwartungs- und Leistungsdruck durch Sponsoren und Medien einfach überzogen ist. Dann die “Sündenböcke” durchs Dorf zu treiben halte ich persönlich für etwas perfide.


  3. Jekylla meint:

    Das ist auch in meinem Bereich des Leistungssports so, dass es inbesondere der Druck der Kundschaft ist, die den Sportler dazu bringt, zu leistungssteigernden Mitteln zu greifen. Die, die sauber bleiben wollen, koennen nur noch zusehen, wie die anderen an ihnen vorbeiziehen. Wenn sie es sich aus finanziellen Gruenden nicht leisten koennen, ziehen sie frueher oder spaeter auch nach. Zwar vielleicht mit einem schlechteren Gewissen, aber dennoch.

    Nicht anders duerfte es beim Radsport auch sein. Die Sponsoren erwarten Erfolge.Irgendwann greift auch der letzte bei der Apothekerinnung zu, weil er nicht ungedopt immer hinterher fahren kann. Aber ein bisschen dusslig war der Herr Sinkewitz doch, Herr Quintus. Gerade, wo die Diskussion jetzt so hochgekocht ist, kann man eigentlich mit einem Rest klaren Verstandes doch nicht dopen. Erst mal Ruhe einkehren lassen, waere die Devise gewesen. DAS hingegen war ja nun vernichtend. Mit der Vorverurteilung haben Sie natuerlich Recht, waere amuesant, wenn die B-Probe negativ waere, aber das wird sie wohl nicht sein.

    Wenn das so weiter geht, werden wir von der Olympiade nicht viele Disziplinen zu sehen bekommen. Steigen wir doch um auf Liveuebertragungen vom Rasenschach, da kann eigentlich nichts passieren.


  4. Quintus meint:

    Die Verdrängung, die unter Umständen und unter Erwartung der B-Probe, auch bei Herrn Sinkewitz zur “Dusseligkeit” geführt hat, ist fast noch gefährlicher als die körperlichen Nebenwirkungen der verabreichten Substanzen: Der Konflikt, etwas unerlaubtes getan zu haben, aber gleichzeitig sich dazu “gezwungen” zu fühlen, kann durchaus zu eklatanten Störungen führen, dass der Betroffene am Ende sogar selbst glaubt, dass er nichts falsches getan hat. Da kommen zum Teil Erklärungen heraus, die mit gesundem Menschenverstand gar nicht mehr begreifbar sind. Sehr erschreckend.


  5. Jekylla meint:

    Nein, nicht in Erwartung der B-Probe, sondern vorher. In einer hochgekochten Situation wie dieser, mit Doping als kochendheissem Eisen, wundert es mich, dass jemand kurz vor der Tour noch dopt. War doch abzusehen, dass der Naechste, der erwischt wird, so richtig hingehaengt wird.

    Wie auch immer, es ist passiert, aber oeffentliche-rechtlichen Fernsehanstalten haben definitiv jetzt auch ein Problem: das der konsequenten Glaubwuerdigkeit im weitren Verlauf…


  6. Fischer meint:

    Naja, was soll der Gute denn machen? Er kann ja nicht einfach zum Klempner umschulen, wenn er mangels Doping plötzlich hintendran hängt.


  7. Markus meint:

    @Quintus: Ich bin überrascht, dass du über Ullrichs Doping nicht enttäuscht bist, aber ich bin auch viel zu wenig drin in dem Thema, um das zu verstehen.
    Mag sein, dass es wirklich einen Druck gibt, der den Sportlern nur zwei Entscheidungsmöglichkeiten lässt: aufhören oder dopen, um dabei zu bleiben.
    Ich hätte dann jedenfalls aufgehört – aber klar, das lässt sich als Außenstehender leicht sagen.


  8. Quintus meint:

    @Jekylla: Tja, die ARD steigt ja wieder, wenn auch vermindert, wieder aufs Rad. Geht halt doch nichts über die Quote ;-)

    @Fischer: Stimmt, das ist durchaus ein Problem: Die meisten sind seit der Jugend auf den Radsport fixiert und haben auch kein zweites Standbein. Bestenfalls halt wieder im Umfeld des Radsports als Trainer oder Teamleiter. Aber dort werden dann eben auch die genommen, die irgendwann einmal auch was “gerissen” haben.

    @Markus: Ich hätte nur enttäuscht sein können, wenn ich davon ausgegangen wäre, dass Jan Ullrich sich als einer der wenigen diesem System widersetzt hat. Mir persönlich wäre ein “nee, DER macht das nicht” ein wenig zu naiv gewesen ;-).


  9. Markus meint:

    Auch Rasmussen ist raus. Ist eigentlich noch jemand dabei bei dieser Apotheken-Rundfahrt?


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